Zeitung Heute : Kommt Berlins neuer Polizeipräsident aus Düsseldorf?

Der Tagesspiegel

Von Otto Diederichs

Das Rennen um den Sessel des Berliner Polizeipräsidenten ist gestern mit einem neuen Auswahlgespräch bei Innensenator Ehrhart Körting (SPD) in die vermutlich letzte Runde gegangen. Einziger Gegenkandidat des Berliner Polizeivizepräsidenten Gerd Neubeck (50) war dabei der derzeitige Inspekteur der Polizei in Nordrhein-Westfalen, Dieter Glietsch (55).

Noch vor zwei Wochen hatte Neubeck als klarer Favorit gegolten. Mit Abstand hatte er in einer ersten Runde alle Mitbewerber aus dem Feld geschlagen. Von fünf möglichen Bewertungspunkten hatte er 4,5 erhalten. Der nächstbeste Bewerber war nur auf 2,5 Punkte gekommen. Dessen ungeachtet war Neubeck, der das Amt seit Oktober 2001 kommissarisch leitet, an Vetos des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit und des Stadtentwicklungssenators Peter Strieder (beide SPD) gescheitert. Sie trauten dem parteilosen, als konservativ geltenden ehemaligen Oberstaatsanwalt aus Nürnberg politisch nicht über den Weg.

Kurzerhand hatte Körting daraufhin das eigentlich abgeschlossene Verfahren wieder eröffnet und die Bewerbungsfrist für unbegrenzt erklärt. Mit dem SPD-Mitglied Dieter Glietsch ist nun ein Kandidat angetreten, der bei der Führung der Berliner Sozialdemokraten kaum auf Bedenken stoßen dürfte. Ihm wird nachgesagt, er verhalte sich „gegenüber der politischen Schiene absolut loyal". Was das polizeiliche Wissen angeht, gilt Glietsch als „die Nummer Eins in Nordrhein-Westfalen".

Als Polizist „von der Pike auf“ hatte er verschiedene Führungsfunktionen bei der Polizei in Köln ausgeübt, bevor er vor 10 Jahren in das Düsseldorfer Innenministerium wechselte. Glietsch gilt als enger Vertrauter des früheren nordrhein-westfälischen Innenministers Herbert Schnoor (SPD). Seit etwa zwei Jahren ist er Inspekteur der dortigen Landespolizei und damit der höchste Exekutivbeamte Nordrhein-Westfalens. Seine Bewerbung nach Berlin löste dort Erstaunen aus. Bisher galt der fachlich Hochgelobte als typischer Mann der zweiten Reihe. Was Glietschs persönliche Qualitäten angeht, fällt das Urteil nicht so positiv aus. Er sei ein „Workaholic“ ohne jedes mitreißende Charisma, heißt es. Er schaffe eine kühle Arbeitsatmosphäre und wolle stets bis ins Detail informiert sein. Zwar sei Glietsch kein Hardliner, doch wolle er immer das „Heft des Handelns in der Hand behalten“, weshalb er „wenig risikofreudig“ sei, „was neue Wege angeht".

Der Berliner SPD-Fraktionschef Michael Müller mahnte gestern den Senat, sich noch im Mai für einen Kandidaten zu entscheiden – wenn nicht für Neubeck, dann für einen „erstklassigen Alternativkandidaten“.

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