Zeitung Heute : Kommt ein Virus geflogen

Adelheid Müller-Lissner

Bald kommen die Zugvögel an die Ostseestrände, und mit ihnen könnte auch die Vogelgrippe zurückkehren. Wie groß ist die Gefahr, dass sich das H5N1-Virus in Deutschland ausbreitet?


An der Ostsee sind die Strände voll, Urlauber genießen dort den mediterran anmutenden Jahrhundertsommer. Dass zu Beginn des Jahres die Vogelgrippe zuerst auf Rügen Einzug gehalten hatte, scheint da längst vergessen. Zumal der letzte Infektionsfall bei einem Wildtier am 12. Mai aus Bayern gemeldet worden war.

Auf einer Ostseeinsel liegt auch das Friedrich-Löffler-Institut (FLI) für Tiergesundheit. Von der kleinen Insel Riems wird in regelmäßigen Abständen gemahnt, die Tierseuche weiterhin ernst zu nehmen und insbesondere die Stallpflicht für Nutztiere, die seit Anfang Mai gilt, streng einzuhalten. Denn aus Rumänien, Dänemark, Ungarn und Spanien sind in den vergangenen Wochen neue Vogelgrippefälle gemeldet worden. Der Bund hatte den Ländern und Landkreisen die Befugnis erteilt, Ausnahmen zuzulassen, die dann zum Teil auch großzügig erteilt wurden.

Doch nun müssen allein auf der Insel Rügen ab 16. August rund zwei Drittel der 200 Geflügelhalter ihre Tiere wieder einstallen. Denn mit dem Herbst könnte auch das Thema Vogelgrippe wieder Einzug halten – in den Medien und in der deutschen Wirklichkeit. Experten fürchten ohnehin, dass das Virus längst als unbemerkter Dauergast bei Tieren kursieren könnte, die nicht erkennbar erkranken. Vor allem aber kommen mit den Herbstzügen hunderttausende von Wildvögeln zum Rasten oder sogar zum Überwintern an deutsche Seen, Flüsse oder Küsten. „Mit der größeren Vogeldichte in diesen Gebieten steigt zugleich die Gefahr, dass das Virus auf andere Tiere übertragen werden kann“, sagte der FLI-Virologe Martin Beer in einem Interview.

„Andere Tiere“, damit ist vornehmlich das Nutzgeflügel gemeint, allen voran die Hühner, unter denen zum Beispiel Anfang April in einem Großbetrieb in Sachsen die Seuche ausgebrochen war. Um ihre Gefährdung genauer einschätzen zu können, sollen jetzt bald Wildenten unter kontrollierten Bedingungen in Gehegen gehalten werden, in denen sie Kontakt zu Wildvögeln haben können. Die Forscher interessieren sich dafür, ob diese „Wächtertiere“ sich mit dem Grippevirus infizieren.

Nach wie vor geht es bei all den Forschungsaktivitäten und politischen Maßnahmen auch darum, herauszufinden, ob das H5N1-Virus auch von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Konkreter wurde die Bedrohung, seit sich vor einigen Wochen in Indonesien erstmals ein Mensch nachweislich bei einem anderen Menschen mit H5N1 infizierte: Das Virus, dem auf der Insel Sumatra zunächst ein Junge und danach dessen Vater zum Opfer fielen, zeigte bei beiden dieselben charakteristischen genetischen Veränderungen, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bestätigte. Die große Verwandtschaft, mit der Vater und Sohn in engem Kontakt lebten, blieb allerdings von der Influenza verschont. Experten gehen davon aus, dass der Mensch bisher für das Virus eine Sackgasse bleibt. Weltweit sind seit dem Jahr 2003 fast 130 Menschen an dem H5N1Virus gestorben.

Die Zahl könnte jedoch rasant steigen, wenn das Virus selbst sich verändern oder mit Erregern anderer Influenza-Formen mischen würde. Weltweit forschen Pharmafirmen daher nach einem Impfstoff. Jetzt meldete der britische Konzern Glaxo-Smith-Kline, eine Studie, in der ein neuer Impfstoff an 400 gesunden Testpersonen erprobt worden sei, habe ermutigende Ergebnisse gezeigt. Im Ernstfall wird es allerdings darum gehen, den Impfstoff an ein verändertes Virus anzupassen und schnell große Mengen davon zu produzieren.

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