Zeitung Heute : Kommunalwahlen in Frankreich: Der Briefträger von Paris

Eric Bonse

Der Sportpalast von Paris hat auch schon bessere Zeiten erlebt. 1995 zum Beispiel, als Jacques Chirac noch Bürgermeister war. Bis zum letzten Platz war die unwirtliche Mehrzweckhalle besetzt, als er seine Kandidatur für das höchste Amt im Staate bekannt gab. 5000 Jugendliche klatschten begeistert Beifall, wenige Wochen später wurde er zum Staatschef gewählt.

Nun scheint sich die Geschichte zu wiederholen, wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen. Wieder spricht ein führender Gaullist im Sportpalast, wieder steht eine wichtige Wahl bevor, die Wahl des Bürgermeisters von Paris. Doch Philippe Séguin, der gaullistische Kandidat, lockt gerade mal 2000 eher betagte Fans ins "Palais des Sports".

"Noch ist alles möglich. Die Entscheidung gehört weder den Leitartiklern noch den Umfragen, wir können noch gewinnen", beteuert Séguin. Doch aus dem Munde des Neu-Parisers, der bisher das Vogesen-Städtchen Epinal führte, klingt es nur noch trotzig. Séguin versucht es mit Angriffen auf die Pariser Linksregierung: "Die Linke nennt sich modern, doch in Wahrheit ist es eine Linke des schnellen Geldes, eine Linke der Globalisierung", schimpft der Gaullist. Aber über Paris und sein Programm verliert Séguin kaum ein Wort.

Fast hat man den Eindruck, dass der Kandidat geistig schon wieder ganz woanders ist - wie 1999, als er überraschend den Parteivorsitz der Gaullisten niederlegte. Damals hatte Séguin vergeblich versucht, den Einfluss von Präsident Chirac in der gaullistischen Bewegung zurückzudrängen. Als er scheiterte, stahl er sich über Nacht aus der Verantwortung. Auch diesmal rennt Séguin gegen Chirac und sein Erbe an. Schließlich war Chirac18 Jahre lang Bürgermeister von Paris. Mit dem damals geschaffenen "System" der gaullistischen Vetternwirtschaft will der Gaullist Séguin nun brechen, wie er bei jeder Gelegenheit beteuert.

Doch das "System" ist überall. Séguin muss nicht nur gegen den amtierenden Bürgermeister Jean Tiberi ankämpfen, der das Pariser Rathaus 1995 von Chirac übernahm und trotz nicht abreißender Skandale an seinem Sessel klebt. Séguin muss sich auch gegen dezenten Druck aus dem Elysée-Palast durchsetzen. Chirac schickte seine Gattin Bernadette in den Wahlkampf, um Séguin auf charmante Art an die Leine zu nehmen. Vorsichtshalber beauftragte er auch seinen Berater Jérôme Monod, über Alternativen für den zweiten Wahlgang nachzudenken - für den Fall, dass Séguin beim ersten am kommenden Sonntag scheitert.

Chiracs Schatten schwebt also wieder einmal über Séguin, der mehr und mehr wie eine tragische Figur wirkt. Derweil kann sich der sozialistische Herausforderer Philippe Delanoe im Glanze von Premierminister Lionel Jospin sonnen. Gerade erst meldete Jospin stolz, dass seit seiner Wahl 1997 eine Million Arbeitslose einen neuen Job gefunden haben. Die Wirtschaft brummt, die Franzosen haben nach 20 Jahren Krise wieder Vertrauen gefasst, und Delanoe muss fast nichts tun, um auf der Woge der Zufriedenheit mitzuschwimmen. Er präsentiert sich als Mann der Basis, als einfacher Bürger, der seit 24 Jahren das Terrain beackert und das "System Chirac" im Pariser Rathaus bekämpft. Dass man ihn landesweit eigentlich nur als ersten bekennenden Homosexuellen der französischen Politik kennt, stört Delanoe nicht im Geringsten. Er strebe kein nationales Amt an und brauche kein Star-Image, betont der Favorit der Umfragen. "Die Pariser wollen heute einen Bürgermeister, der sich um sie kümmert und keine nationalen Ambitionen hat", erklärt die Tageszeitung "Libération" die Stimmung in der Hauptstadt. "Sie wollen das Gegenteil von dem, was sie 20 Jahre lang hatten." Genau diesen Anspruch verkörpert Delanoe - er wirkt eher wie ein Briefträger als wie ein künftiger Bürgermeister.

Nur in einem sind sich die ungleichen Kandidaten ähnlich: im Mangel an Visionen. Bei einer Fernsehdebatte stritten sie sich um die Zahl der Krippenplätze und die Linienführung für eine geplante Straßenbahn, und hinterher spottete Noch-Bürgermeister Tiberi: "Das war bestenfalls Bezirks-Niveau." Und der Grüne Yves Contassot kritiserte: "Ich habe nicht den Eindruck, dass Séguin und Delanoe die Pariser zum Träumen anregen."

Der Mangel an Visionen ist umso erstaunlicher, als Paris in den letzten Jahren zur heimlichen Hauptstadt von Euroland aufgestiegen ist. Mit der paneuropäischen Börse Euronexx und 9000 Banken und Finanzinstituten sei Paris in der Eurozone führend, sagt Renaud Bachy, Chef der Stadtentwicklungs-Gesellschaft Paris Développement. Die Seine-Metropole habe auch bei Forschung und Dienstleistungen die Nase vorn: "Paris zählt fünf Forscher auf 1000 Einwohner, das ist dieselbe Forschungsdichte wie im Silicon Valley."

Aber auch zur Kehrseite der Medaille, dem akuten Wohnungs- und Büromangel, dem Dauerstau auf den Boulevards und den Ringautobahnen, der anhaltenden Verdrängung ärmerer Bürger aus der Stadt, fällt Séguin und Delanoe nicht viel ein. Und auf die Hauptsorge der Pariser, die spürbar steigende Kriminalität und die zunehmende Verwahrlosung auf den Straßen und in der Metro, wissen weder Sozialisten noch Gaullisten eine überzeugende Antwort.

Dennoch ist diese Wahl eine Weichenstellung für die Zukunft: Wenn Séguin in Paris verliert, muss sich Chirac Sorgen um seine Wiederwahl machen. Wenn aber Delanoe gewinnt, wofür im Moment viel spricht, öffnet sich für Jospin ein Boulevard zum Elysée-Palast.

Offiziell beteuern Jospin und Chirac zwar, die Wahl in Paris habe rein lokalen Charakter. Folgt man dem satirischen Blatt "Le Canard Enchainé", denken Premier und Präsident aber bereits an den "dritten und vierten Wahlgang" im kommenden Jahr. Vor allem Chirac scheint sich Sorgen zu machen: "Wenn wir nur Paris verlieren", zitiert der "Canard" einen Präsidenten-Berater, "kann das als lokales Problem durchgehen. Wenn wir dann aber auch noch Lyon oder Toulouse verlieren, dann wird das ein Desaster."

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