Kommunikationshilfe für Taubblinde : Design mit Fingerspitzengefühl

Nun heißt es, Barrieren abbauen: Mit dem LORM-Handschuh von Tom Bieling können taubblinde Menschen erstmals auch über Distanzen hinweg kommunizieren.

von
Tom Bieling
Der Mann mit dem Handschuh. Tom Bieling entwirft Dinge, die nicht nur das Leben von behinderten Menschen leichter machen. Für...Foto: Johannes Bock

Seinen Handschuh hat Tom Bieling immer dabei, sogar auf seinen Reisen nach Kairo, wo er als Gastdozent arbeitet. „Ich habe ihn schon ziemlich geweitet“, sagt er und zieht ihn sich über die Hand. Die Innenseite ist übersät mit kleinen, stoffummantelten Drucksensoren, auf der Rückseite glänzen Metallplättchen. Von jedem führt ein Kabel zu einem kleinen Kasten, den sich Tom Bieling ums Handgelenk klettet. Nun ist er auf Sendung oder wahlweise auf Empfang. Durch Tipp- und Streichbewegungen könnte er SMS und Mails verschicken. Einmal tippen auf die Daumenspitze etwa wäre ein „a“. Würde ihm jemand mit demselben Buchstaben antworten, würde es auf der Rückseite von Bielings linkem Daumen ein Mal kurz vibrieren.

Auf dem Tisch im Design Research Lab liegt ein weiterer Stoffhandschuh mit aufgedruckten Punkten, Pfeilen und Buchstaben. Ein wenig erinnert er an eine Akupunktur-Illustration. In Wirklichkeit ist er der Schlüssel zu einer ganz besonderen Form der Kommunikation: Das LORM-Alphabet ist der Stimmersatz für taubblinde Menschen. Über Streich- und Tippbewegungen können sie sich Wörter in die Hand buchstabieren. Doch bisher konnten sie nur von Fingerspitze zu Handfläche miteinander sprechen. Der Gesprächspartner musste also in unmittelbarer Nähe sein. Deshalb ist der Funktionshandschuh, der an Bielings linker Hand steckt, ungefähr so revolutionär wie die Erfindung des Briefs oder der Telekommunikation. Denn mit ihm können taubblinde Menschen nun auch über Distanzen hinweg kommunizieren.

Seit Jahren entwickelt der Designforscher, der gerade bei Gesche Joost an seiner Promotion arbeitet, Kommunikationshilfen für Menschen mit Behinderungen. Daraus hat er einen Ansatz entworfen, der weit über die Entwicklung von Hilfsmitteln hinausgeht: „Was können wir von Menschen mit Behinderungen lernen?“, fragt er sich. Der LORM-Handschuh könnte nicht nur für Taubblinde nützlich sein. Auch in anderen Kontexten, in denen lautes Sprechen oder genaues Sehen nicht möglich sind, könnte der Handschuh zum Einsatz kommen.

Das ist aber noch Zukunftsmusik. Zunächst will Tom Bieling mit seiner Forschungspartnerin Ulrike Göllner am Design Research Lab den Handschuh perfektionieren. Kommunikation von Handschuh zu Handschuh soll möglich werden, E-Books und Internet sollen in die Handfläche „gelormt“ werden können. „Bereits die Kommunikation zwischen Handschuh und Mailprogramm oder Handy eröffnet neue Perspektiven für Taubblinde“, sagt Bieling. „Das bedeutet, dass man die LORM-Sprache nicht mehr lernen muss, um sich mit Taubblinden zu verständigen.“ So eröffnet sich ein neuer Kreis an Kommunikationspartnern für Menschen, die normalerweise nur mit einer kleinen Gruppe aus Verwandten und Betreuern kommunizieren. Kommen nun Internet und Bücher sowie Kommunikation durch speech-to-text-Technologie hinzu, könnte sich der Aktionsradius für Taubblinde enorm erweitern. Sprach- und Texterkennungsprogramme könnten Schilder und gesprochene Sprache anderer Menschen auslesen und den Taubblinden in die Hand schreiben. So können sie sich selbstständig die Welt erschließen. „Bei Design geht es auch darum, welche Barrieren wir durch Gestaltung aufbauen oder eben einreißen“, meint Bieling.

Zum Rundgang zeigt das Design Research Lab den Handschuh und andere Arbeiten in der Straße des 17. Juni 118, Raum 207, Charlottenburg.

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