Kommunikationstechnik : Tüfteln am Telefon der Zukunft

In den "T-Labs" am Ernst-Reuter-Platz arbeiten Wissenschaftler der Technischen Universität und Experten der Telekom Hand in Hand.

Paul Janositz

So kann der Einkauf der Zukunft aussehen: Der Kunde fotografiert per Handy den Strichcode der Ware, bevor er sie in den Einkaufswagen legt. Aus- und Einpacken entfallen, der Rechnungsbetrag erscheint auf dem Display der Kasse, sobald man den Wagen durchschiebt. Auch beim Lösen von E-Tickets in Bussen und Bahnen könnte das Handy als elektronische Geldbörse dienen. Berliner Forscher haben sich vorgenommen, solche Visionen zu realisieren. Sie arbeiten in den „T-Labs“, wie die Forschungs- und Entwicklungsinstitute der Deutschen Telekom genannt werden.

In dem Hochhaus am Ernst-Reuter-Platz tüfteln aber nicht nur Telekom-Vordenker an den IT-Lösungen der Zukunft, sondern auch Wissenschaftler der TU Berlin. „Etwa 180 der derzeit 350 Mitarbeiter kommen von der Telekom“, sagt Hermann Hartenthaler. Der Physiker ist Programm-Manager bei den „T-Labs“, die seit April 2004 als An-Institut der TU betrieben werden. Die Telekom gab 2008 insgesamt 600 Millionen Euro für Forschung und Entwicklung aus. Im Mittelpunkt der T-Lab-Förderung stehen Stiftungsprofessuren. Deren Zahl ist von den avisierten vier auf sieben gestiegen, wenn man die Juniorprofessuren dazuzählt. Eine finanziell und zahlenmäßig so starke Anbindung ist der global agierende Telekommunikationsriese mit keiner anderen Hochschule eingegangen. Der scheidende TU-Präsident Kurt Kutzler sieht in solchen strategischen Allianzen zwischen Hochschule und Industrieunternehmen „entscheidende Wettbewerbsvorteile für die Universität und den Standort“. Mit den „innovativen Labs“ verfolge die TU ein neues Konzept der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft.

Die Telekom hatte sich von dem Projekt einen „Perspektivenwechsel“ erhofft, wie es Christopher Schläffer, für Produkte und Innovation zuständiges Vorstandsmitglied, zum fünften Jahrestag der Gründung ausdrückte. Weg vom kurzfristigen Renditedenken, hin zu längerfristigen Perspektiven für nachhaltig erfolgreiche Produkte der Zukunft.

Entsprechend hoch waren die Ansprüche an die T-Labs. Die Absicht der Gründer, eine „Brücke zwischen Wirtschaft und Wissenschaft“ zu schlagen, sei gelungen, sagt Hartenthaler. Das innovative Projekt habe vor allem junge, hochtalentierte Wissenschaftler aus aller Welt angezogen. Der Programm-Manager sieht in den T-Labs „eine spannende Mischung“ aus Forschern, die grundlagenorientiert und eher langfristig arbeiteten, und Telekom-Experten, die eher an die Interessen der Nutzer dächten.

Aus Ideen sollen also umgehend Produkte werden, etwa Geräte, die das Telefonieren auch für Menschen mit weniger flinken Fingern einfacher machen. Vor allem Ältere klagen über komplizierte Menüführung, winzige Tasten und zu kleines Display. „Das Telefon Sinus A 201 wurde in den T-Laboratories speziell für die Bedürfnisse älterer Menschen entwickelt“, sagt Hartenthaler. Das Produkt ist mittlerweile auf dem Markt: ein schnurloses Telefon, die Tasten groß, das Display übersichtlich. Der Hörer passt sich der Kopfform an. Ein energieeffizientes Schaltnetzteil hält den Stromverbrauch niedrig. Sein elegantes Aussehen brachte dem Gerät außerdem den renommierten „if produkt design award 2010“ des „International Forum Design“ ein.

Eine weitere Innovation kommt Bahnreisenden zugute. „Wir haben eine stabile Internetverbindung für Hochgeschwindigkeitszüge entwickelt“, berichtet Hartenthaler. Dank breitbandiger und drahtloser Internetanschlüsse kann im ICE auch bei Tempo 300 gesurft und gemailt werden.

Die enge Zusammenarbeit von Forschern aus Universität und Industrie fördert auch unternehmerisches Denken in den Köpfen der Wissenschaftler. So gab es Existenzgründungen. Als Beispiel nennt Hartenthaler die Berliner Firma Zimory, die einen Internet-Marktplatz für Computing-Kapazitäten anbietet. Hier könnten Rechenzentren in wenigen Minuten freie Kapazitäten anbieten oder zukaufen, ein Vorgang, der früher wochenlanger Verhandlungen bedurfte.

Rund 40 Innovationen sind bisher auf den Markt gelangt, sagt T-Labs-Leiter Peter Möckel, „davon allein zwölf im letzten Jahr“. Der Erfolg regte zu erweiterter Kooperation an. Ebenfalls als Public-Private-Partnership wurde 2006 das „European Center for Information and Communication Technologies“ (EICT) gegründet. Neben TU Berlin und Fraunhofer-Gesellschaft sind die Telekom, Siemens und Daimler beteiligt.

Im Dezember 2009 wurden die Anstrengungen, den TU-Campus zu einem führenden Forschungs- und Entwicklungszentrum für Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) zu machen, erneut belohnt. Das Europäische Institut für Innovation und Technologie (EIT) wählte Berlin als einen von fünf europäischen IKT-Standorten der neuartigen Wissensgemeinschaft KIC (Knowledge and Innovation Communities), in der Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Technologiezentren zusammenarbeiten sollen. Partner sind neben der TU Berlin die Fraunhofer-Gesellschaft, das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, Siemens, SAP und die Telekom.

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