KOMÖDIE„Up in the Air“ : Ein Hai irrt sich gewaltig

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Ryan Bingham ist ein heimatloser Mann. Und er ist stolz darauf. Seine kahle Miniwohnung in Omaha, Nebraska, betritt er so gut wie nie, und wenn, nur widerwillig. Als sein Zuhause betrachtet er Flughäfen, Jumbo-Jets und Airport-Hotels. Extrem elegant bewegt er sich mit seinem Rollköfferchen durch diese Transitwelten, an deren Bonus- und Belohnungsregeln er sich perfekt angepasst hat. Er funktioniert wie der Musterkunde eines komplett durchkapitalisierten Industriezweigs.

Nach den knallharten Gesetzen der freien Marktwirtschaft spielt Ryan auch beruflich: Er ist professioneller Rauswerfer. Feige Personalchefs können ihn buchen, um ihren Angestellten zu kündigen. Und so jettet er von Firma zu Firma und überbringt den Mitarbeiter die schlechten Nachrichten – mit fester Stimme und ohne jede Gefühlsregung. In seiner Freizeit hält er Vorträge darüber, dass persönliche Bindungen Ballast sind und der Mensch das Wesen eines Hais habe.

Dieser Zahn wird Ryan im Verlauf der nächsten Wochen allerdings gezogen. Denn zwei Frauen treten in seine aseptische Welt: Harvard-Absolventin Natalie, die versucht, seinen Job durch Webcam- Konferenzen wegzurationalisieren, und Geschäftsfrau Alex, mit der er eine Affäre beginnt. Wie Regisseur Jason Reitman („Thank you for Smoking“, „Juno“) die Wandlung seines Protagonisten inszeniert, ist brilliant. Er lässt ihn nämlich nicht einfach abstürzen, sondern schaukelt ihn durch einen mittelschweren Sturm von Luftloch zu Luftloch, bis er in schließlich unbekannten Gefilden wieder auf den Boden kommt. Besonders hoch anzurechnen ist Reitman, dessen kluge Komödie auf dem Buch „Der Vielflieger“ von Walter Kirn basiert, dass er die Handlung im letzten Drittel nicht in die Bahnen einer klassischen Hollywood-Dramaturgie lenkt.

Dadurch hinterlässt „Up in the Air“ einen noch nachhaltigeren Eindruck, als er es ohnehin schon durch seinen wunderbar leichtfüßigen Humor tut. In George Clooney hat Reitman zudem den perfekten Hauptdarsteller. Er präsentiert sich in Topform und kann es in Sachen Charme locker mit Cary Grant aufnehmen. Es ist dem Film, der übrigens einen wunderbaren Vorspann hat, zu wünschen, dass er sich bei einigen seiner sechs Oscarnominierungen durchsetzen kann. Schlau und witzig. Nadine Lange

„Up in the Air“, USA 2009, 110 Min., R: Jason

Reitman, D: George Clooney, Vera Farmiga, Anna Kendrick, Jason Bateman

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