Zeitung Heute : Kompass für die globalisierte Welt

Kulturelle und mentale Wegweiser: Geisteswissenschaften bieten Orientierung. Und sie sind ebenso „nützlich“ wie die Naturwissenschaften

Reinhold R. Grimm,Rüdiger Steinlein

Die Geisteswissenschaften scheinen sich seit längerem in der Rolle des leichtgewichtigen Kindes auf der Wippe zu befinden. Sie werden von ihren vermeintlichen Gegenspielern, den Natur- und Ingenieurwissenschaften, in luftiger Höhe fixiert, ohne Aussicht, so schnell wieder auf Augenhöhe zu gelangen. Die Geisteswissenschaften seien „an den Siegeswagen gefesselt“, auf dem die Naturwissenschaften „als Triumphator einherziehen“, konstatierte schon 1870 der bedeutende Germanist Wilhelm Scherer.

Es gilt, dieses seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert aus dem Gleichgewicht geratene Verhältnis wieder in die Balance zu bringen, zumindest die Waagschalen einander anzunähern, die derzeit so ungleich stehen: diejenige der Naturwissenschaften – schwer befrachtet mit Geldmitteln und öffentlicher Aufmerksamkeit weit unten, auf dem Boden der Tatsachen – diejenige der Geisteswissenschaften hingegen hoffnungslos weit oben, buchstäblich abgehoben.

Folgt man der scharfsinnigen Diagnose und Kritik des Wiener Philosophen Konrad Paul Liessmann („Theorie der Unbildung“) – sind die Geisteswissenschaften heute einem Prozess unterworfen, dessen Paradigma die Naturwissenschaften längst folgen. Es handelt sich dabei um die Industrialisierung von Wissen und Wissenserwerb – nach der Logik naturwissenschaftlicher Verfahren, die stets schon nahe an der Identitätslogik industrieller Produktion lag. Ob die darin liegende Zerstörung der eigenen Wissenschaftskultur als produktive und für die Geisteswissenschaften sich fruchtbar auswirkende Transformation bezeichnet werden kann, darf bezweifelt werden.

„Mit Lyrik lässt sich kein Geld verdienen“, wusste vor etwa 20 Jahren ein führender Politiker in Nordrhein-Westfalen und meinte damit zugleich die wissenschaftliche Beschäftigung mit Literatur und Kunst. Dieses scheinbare Legitimationsdefizit verschwindet allerdings zunehmend; gewichtige Stimmen attestieren den Geistes- und Kulturwissenschaften und ihren oft traditionsreichen Wissenschaftskulturen alles andere als Legitimationsschwäche: Die Geisteswissenschaften scheinen in einer globalisierten Welt mehr denn je als Orientierungswissenschaften im Sinne einer Kompass-Funktion gebraucht zu werden.

Mit noch so ausgebufften Marktstrategien, die sich aus den Analysen vermeintlich „harter“ Wissenschaftszweige ableiten, lässt sich auf den Weltmärkten nicht erfolgreich operieren, wenn nicht Kenntnisse der kulturellen und mentalen Rahmenbedingungen des jeweiligen Marktes hinzutreten. Es ist keineswegs abwegig zu behaupten, dass es nützlich, ja unverzichtbar für im arabischen Raum ökonomisch oder politisch Tätige ist, etwas über die dort prägenden Traditionen aus dem literatur- und kulturwissenschaftlichen Wissensfundus zu kennen, und sei es durch die Lektüre von „Tausendundeiner Nacht“.

Geisteswissenschaften sind jene Disziplinen, die Wissen über die Manifestationen des menschlichen Geistes vermitteln, die Bedingungen und Reichweite kultureller Schöpfungen und scheinbar Bekanntes erst erkennen lassen. Geist und Bildung sind, wie es schon Hegel in seiner „Phänomenologie des Geistes“ überzeugend dargelegt hat, untrennbar: Hierin liegt das Fundament auch der Geisteswissenschaften als wissenschaftliche Beschäftigung mit der Ordnung des Geistigen im weitesten Sinne. Aber da es heutzutage ohne den Nachweis praktischer Nützlichkeit nun einmal nicht zu gehen scheint – ein Nachweis, der selbst so abstrakten und spekulativen Zweigen der modernen Naturwissenschaft wie etwa der String-Theorie in der Physik ohne Weiteres zugestanden wird – mag auf den Münchner Theologen Friedrich Wilhelm Graf verwiesen werden, der die Chancen der Geisteswissenschaften im derzeitigen Exzellenzwettbewerb hoch einschätzt. Sie könnten sich im damit verbundenen Umstrukturierungs- und Neupositionierungsprozess der Wissenschaften sehr wohl behaupten; denn nur sie hätten die in einer globalisierten Welt unverzichtbare „kulturelle Deutungskompetenz“, ohne die auch Weltkonzerne auf den Weltmärkten wenig ausrichten können.

Dass die Humboldt-Universität – ihrem Namensgeber verpflichtet – die Geisteswissenschaften nicht nur im „Jahr der Geisteswissenschaften“ engagiert fördert, zeigen eine ganze Reihe von Einrichtungen und Aktivitäten, die gleichsam „Leuchtturm“-Charakter haben:

In den Philosophischen Fakultäten der Humboldt-Universität gibt es zurzeit sechs interdisziplinäre Zentren, wie das August-Boeckh-Antikezentrum, das Georg-Simmel-Zentrum für Metropolenforschung, das Zentrum für Sprachliche Bedeutung; zwei Sonderforschungsbereiche („Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel“ sowie „Transformationen der Antike“) und vier DFG-Graduiertenkollegs (u.a. „Codierung von Gewalt im medialen Wandel“, „Geschlecht als Wissenskategorie“).

Bereits in der ersten Runde des Exzellenzwettbewerbes wurde ein gemeinsamer geistes- und naturwissenschaftlicher Antrag der Humboldt-Universität bewilligt: „Berlin School of Mind and Brain“. In der neuen Runde sind die Geisteswissenschaften in der ersten wie zweiten Förderlinie erfreulich ausgewogen vertreten. Eine viel versprechende Bilanz, die das Gewicht der Geisteswissenschaften gerade an der Humboldt-Universität sichtbar macht!

Um dieser Entwicklung Nachdruck und Nachhaltigkeit zu verleihen, stellt der Philosophische Fakultätentag, die hochschulpolitische Vertretung der geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten und Fachbereiche deutschsprachiger Länder, ihre Zentralveranstaltung zum Jahr der Geisteswissenschaften unter das kämpferische Motto „Zukunft: Geisteswissenschaften!“ Es ist kein Zufall, wenn dieses Forum vom 5. bis 7. Juli 2007 an der Humboldt- Universität abgehalten wird. Vertreter aller Fachrichtungen werden den Kontakt mit einer interessierten Öffentlichkeit suchen. Ein breites Spektrum von Veranstaltungen thematisiert die Vermittlungskompetenz der Geisteswissenschaften, die viele Sprachen sprechen und für viele Wissensgebiete von der Papyrologie bis zur Kaukasistik zuständig sind.

Dabei sollen Themen wie die internationale Rolle der deutschen Geisteswissenschaften, die Erneuerung der geisteswissenschaftlichen Studiengänge, die Rolle der Geisteswissenschaften in den Universitäten, aber auch ihre Bedeutung für die Wirtschaft aufgegriffen und in Kooperationen mit ausgewählten Gesprächspartnern aus Politik, Wissenschaftsorganisationen, Wirtschaft und Presse in verschiedenen Veranstaltungsformaten diskutiert werden.

Das Programm zeigt, dass die Geistes- und Kulturwissenschaften bemüht sind, ihren Beitrag zur Zukunftsfähigkeit unserer „wissensbasierten“ Gesellschaft deutlich zu machen. Ihre Unverzichtbarkeit gilt es unter der keineswegs vermessenen Maxime „Zukunftsfähigkeit durch geisteswissenschaftliche Basierung“ nachdrücklich herauszustellen.

Einer breiten Öffentlichkeit bis hinein in politische und wirtschaftliche „Etagen“ soll klar gemacht werden, dass es fatal wäre, die Geisteswissenschaften in einer Position zu belassen, die vergleichbar ist mit den warnenden Worten über Baum und Fisch in einer indianischen Prophezeiung. Diese besagt: „Erst wenn der letzte Baum gefällt und der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“ Und auf die Geisteswissenschaften übertragen: Erst wenn die letzte geisteswissenschaftliche Disziplin abgeschafft und durch eine scheinbar nützliche, weil ökonomisierbare ersetzt ist, werdet ihr merken, dass eine Gesellschaft ohne Geisteswissenschaften nicht zukunftsfähig gestaltet werden kann. Daran mitzuwirken, dass es dazu nicht kommt, ist eines der Ziele dieser Veranstaltungsreihe wie des „Jahres der Geisteswissenschaften“ überhaupt.

Mehr Informationen im Internet:

www.philosophischerfakultaetentag.de

Reinhold R. Grimm ist Professor für Romanistik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages und Präsident des Allgemeinen Fakultätentages; Rüdiger Steinlein ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar