Zeitung Heute : Kompliziertes Erbe

WALTHER STÜTZLE

China nach Dengs Tod: Es wird sich zeigen, ob die Nachfolger sich als gelehrige Nachfahren eines Systemgründers erweisen, oder ob das Vermächtnis unter den Händen der Schüler zerbrichtVON WALTHER STÜTZLEAus der Schar der geschichtlichen Figuren diesen Jahrhunderts ragt der kleine Deng als Riese hervor.Lebensweg und Lebenswerk weisen den Toten als einen Politiker aus, dem Hindernisse Herausforderung waren, Rückschläge als Rückenstärkung dienten und große Ziele als erreichbarer Zustand galten.In den 93 Jahren seines Lebens ist Deng Xiaoping keine Erfahrung erspart geblieben, die einem Politiker von seiner Statur und mit seinem Ehrgeiz widerfährt: Verfolgung und Verehrung, Verbannung und Applaus durch eine allmächtige Partei lösten einander ab.Die KP war Dengs Heimat und ergiebigster Kraftquell, aber anders als sein langjähriger sowjetischer Zeitgenosse Michail Gorbatschow hinterläßt der Chinese eine äußerlich intakte Nation, deren Rückgrat eine im Machtwillen ungebrochene Partei ist.Nun, da Dengs Tod amtlich verkündet ist, fragt sich die Welt, ob das Gebäude hält, das er aufgerichtet hat.Ob die Erben sich als gelehrige Nachfahren eines Systemgründers erweisen, oder ob die Erbschaft unter den Händen der Schüler zerbricht? Deng war nicht nur Lenker, sondern auch Systemerfinder.Niemand vor ihm hat den waghalsigen Versuch unternommen, den ideentötenden Alleinvertretungsanspruch einer einzigen Partei mit dem von Ideenkonkurrenz lebenden Kapitalismus zu einem stabilen politischen System zu verbinden.Niemand vor Deng hat es gewagt, den volkreichsten Staat der Welt auf eine so riskante Gratwanderung zwischen Fortschritt und Absturz zu führen.Gewiß: Ohne das Grundwerk von Mao wäre Deng der große Sprung ins industrielle Zeitalter nicht möglich gewesen.Doch anders als Mao, der seine Angst vor der Zukunft durch den Rückfall in die Kulturrevolution konterkarierte, wagte Deng Markt und Rendite und gewann Zukunft.Er öffnete China die Augen für die Verlockungen der Welt und gab den internationalen Investoren und Verkäufern Einblick in den Aufstieg einer Weltmacht, deren ungestillter Machthunger zum wichtigen Teil ihres politischen Credos gehört. "Du kannst erst großartig atmen, wenn du großes Geld in der Tasche hast", faßte vor Jahren Parteichef Jiang Zemin in bester Deng-Tradition die Motivation der chinesischen Führung zusammen, und bekannte damit, daß im Reichtum und in der Bereicherung des Landes Chinas Weg zur internationalen Macht liegt.Anhaltende zweistellige Wachstumsraten, abnehmende Armut und zunehmende Selbstversorgung, unverhältnismäßig hohe Rüstungsausgaben und territoriale Ansprüche von beachtlichen Ausmaßen im südchinesischen Meer, eine armselige Menschenrechtsbilanz und die lebendige Furcht, das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens könnte nicht nur Vergangenheit sein: Dengs Hinterlassenschaft ist komplex und widersprüchlich.Zu ihren Wirkungen gehört, daß sie auch das internationale System nachhaltig beeinflußt. Chinas Anspruch, als asiatische Führungsmacht respektiert zu werden, gehört zum schwierigen Teil der Dengschen Erbschaft.Japan fürchtet diesen Griff nach der Regionalmacht so sehr wie Peking in der Rivalität zwischen den USA, den Europäern und Japan um die Früchte des chinesischen Marktes einen Hebel erkennt, seine eigene Machtposition durchzusetzen.Selbstbewußte chinesische Außenpolitik hat die Formel von der allein übriggebliebenen Weltmacht USA nie akzeptiert und die Option eines Mächte-Paktes mit Rußland nie aufgegeben.In Asien hat Deng ein Mächte-Spiel aufgestellt, in dem Europa nur als Handlungsreisender vorkommt, aber nicht als ein Faktor, dessen Einfluß von Macht handelt.Der Ausgang dieses Spiels ist ungewiß, auch weil unklar ist, welche Züge Dengs Erben planen.Klar ist nur: Das Ergebnis wird auch uns berühren.

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