Zeitung Heute : Komponierte Stille

ECKART SCHWINGER

BSO-Konzert mit Korngold, Ligeti und BeethovenECKART SCHWINGERDer Lärmüberflutung unserer Zeit versuchen verschiedene Komponisten mit fast lautlosen Stücken entgegenzuwirken.Sie treten mit konsequent nach innen verlagerten, geradezu provozierend verschlossenen Werken hervor, die sich nicht selten ins kaum noch wahrnehmbare Pianissimo verflüchtigen.Eine Musik, die komponierter Stille den Vorzug gibt, begegnet uns bei György Ligetis Cellokonzert mit der berühmten "Flüsterkadenz" am Schluß.Der Cellovirtuose Peter Bruns spielte es im Schauspielhaus mit dem Berliner Sinfonie-Orchester unter Eliahu Inbal in hervorragender Form. Ligetis Werk bringt den Nachweis, daß strenge Aussparung den Informationsgehalt der Musik nicht schmälern muß.Zumal er auch hierbei auf die Farbpalette seiner filigranen Satzkunst, seinen so variablen wie brillanten Fortbewegungsstil keinesfalls verzichtet und das Spiel von Peter Bruns spannungsvolle Stille suggerierte.Bruns hielt sich übrigens genau an Ligetis Vorschriften, ließ das ambivalente Spiel fast unhörbar wie aus dem Nichts beginnen.Wie er die beiden Sätze ineinanderfügte und mit spielerischer Phantasie ausgestaltete, das war leicht und intensiv zugleich.Bruns kostete die "stehenden" Klänge ebenso aus wie die zarten Farbflächen.Und er förderte dabei unterschwellige Energien, einen fein verfremdeten Schönklang zutage.Auch Eliahu Inbahl und das BSO trafen den Nerv dieser beunruhigend-ruhigen Komposition. Ganz im Gegensatz dazu stand die in rauschender Fülle gespielte, betont eloquente Schauspielouvertüre op.4 des vierzehnjährigen Erich Wolfgang Korngold, der schon im Kindesalter voller Stolz darauf verweist, wie er eine sinfonische Partitur aufzubauen, mit reizvollen Klangmixturen auszustaffieren und das Spiel formvoll auf Touren zu bringen vermag.Im zweiten Teil des aparten BSO-Konzertes dirigierte Inbal gleichsam auf einem Atemzug, ohne Zäsuren zwischen den Sätzen, die Beethovensche "Fünfte".Und zwar durchweg mit einer Folgerichtigkeit, mit harschen Steigerungen, die nie in Al-fresco-Wirkungen umkippten.Da wurde nicht allein der Übergang vom dritten zum vierten Satz von Inbal mit subtilem Nuancierungsvermögen angelegt.Da schien die gespannte Stille des Ligeti-Konzerts hereinzuklingen.Das BSO musizierte mit geschliffener Technik und herausfordernder Expressivität.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben