Zeitung Heute : Kompositionen für den ersten Synthesizer

HENRY STEINHAU

Hindemith ist einer der bekanntesten Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts, der Klappentext verspricht "die Entdeckung eines bewegten Lebens und faszinierenden Werks".Tatsächlich bietet die Produktion aus dem für Noten- und Musik-Publikationen bekannten Hause Schott Wergo eine recht umfassende, vor allem aber multimediale Dokumentation.Vorab gesagt verbinden sich in dieser CD-ROM Elemente von Hörfunk- und TV-Dokumentationen mit Texten, Fotos und Musikbeispielen sowie Register-Angaben zu einer stimmigen Melange, die einen geradezu ideal an den Menschen und Künstler Hindemith heranführt.Je nach Vorwissen kann sich der Nutzer entweder mit einem Kurzporträt auf die Person Hindemith einstimmen oder auf eigene Faust in dessen Leben und Werk stöbern.Bei letzterem steht einem sowohl eine Zeitleiste zur Verfügung, die nach Lebensabschnitten beziehungsweise Schaffensperioden untergliedert ist, als auch das "Musikzimmer" Hindemiths.Der reizvollere Weg, die durchgängig sehr ästhetisch und ansprechend gestaltete CD-ROM zu nutzen, ist jedoch das assoziative "explorieren" in der Chronologie.Aus dem reichhaltigen Nachlaß, den die Hindemith-Stiftung zu Verfügung stellte, schöpften die Produzenten viele Originaldokumente, von Manuskripten über Fotos bis zu Zeichnungen und Bildern - Hindemith war "nebenbei" auch ein respektabler Maler.Historische Rundfunk-Aufnahmen lassen Hindemith, seine Weggefährten und natürlich seine Musik ertönen - in historisch bedingt unterschiedlicher, aber jeweils akzeptabler Qualität.Eine Reihe wertvoller Video-Interviews ergänzen die audiovisuelle Dokumentation.Nach und nach erschließt sich so die komplexe Persönlichkeit dieses Ausnahmekünstlers.Eher unbefriedigend wirken dagegen die integrierten Dokumentations-"Häppchen", die den geschichtlichen Hintergrund der jeweiligen Lebensphase Hindemiths erläutern sollen.Am überzeugendsten wirkt das Multimedia-Porträt zweifelsfrei wenn es darum geht, sich mit dem Stellenwert von Hindemiths Musik auseinanderzusetzen.So macht es beispielsweise besondere Freude zu erfahren, wie Hindemith voller Innovationseifer die allerersten Kompositionen für das sogenannte "Trautonium" schrieb, einer Erfindung des Berliners Oskar Sala.Es war eine Art elektromechanische Orgel und, wenn man so will, einer der ersten Synthesizer, denn es erzeugte völlig neue, quasi-synthetische Töne.Hindemith als Vorfahr von Kraftwerk und Techno zu feiern, so weit geht die CD-ROM zwar nicht, da sie sich angenehm sachlich gibt.Seine erfolg- und einflußreiche Suche nach neuen musikalischen Ausdrucksformen bringt das multimediale Feature auf jeden Fall gut rüber.

Paul Hindemith: Leben und Werk, Schott Wergo Music Media, rund 75 Mark.Systemvoraussetzungen: Multimedia-PC ab 486er DX und Windows 3.11/95 oder vergleichbarer Mac ab 68040.

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