Zeitung Heute : Konsumieren

Sonja Niemann

Wie eine Neuberlinerin die Stadt erleben kann

Neulich saß ich in der U2 neben drei recht jungen Punks, die Konsumkritik übten.

„Ja, geht ihr mal alle schön einkaufen!“, rief der eine in den U-Bahn-Wagon während sein Kollege das Gas aus einem Feuerzeug inhalierte. „Kauft euch noch mehr teuren Scheiß, mit dem ihr eure Wohnungen zumüllt! Kauft euch Eierschalensollbruchverursacher, wenn ihr euer Ei nicht mehr mit dem Messer köpfen könnt! Arbeitet euch tot, und kauft euch kapitalistischen Scheiß für euer Geld!“

Ich fühlte mich angesprochen. Schließlich kaufe ich immer wieder Produkte kapitalistischer Ausbeuterunternehmen. Dann sah ich, dass der eine Punk statt ehrlichem Dosenbier tatsächlich an einem Fläschlein Alcopop nuckelte. Das machte ihn unglaubwürdig, fand ich. Wer noch nicht mal Rum, Wasser und Zucker zusammenrühren kann, darf sich nicht beschweren, wenn andere Leute Eierschalensollbruchverursacher kaufen.

Natürlich gibt es Sachen zu kaufen, die niemand braucht: Holzenten. Alkoholfreien Sekt. Die CD, auf der der Brüller von der Kirmestechnogruppe „Scooter“ Thomas Bernhard liest. Das Toilettenpapier „Charmin Winterduft“. Elektrische Haarschneider, die man an den Staubsauger anschließen kann.

Was die Punks nicht sagten: Gerade in Zeiten der wirtschaftlichen Flaute ist Konsum erste Bürgerpflicht. Ich bemühe mich, dieser Pflicht nachzukommen, nur deshalb kaufe ich Bücher, die ich doch nicht lese, Paillettenröcke, deren Pailletten abfallen, Schrankwände, die ich nicht aufbauen kann, asiatische Tütennudelsuppen, von denen ich Bauchschmerzen kriege, und ein Rebhuhn im Birnbaum, weil ich das englische Weihnachtslied so hübsch finde.

Vor allem aber kaufe ich gerne scharfe Soßen, die mich immer wieder enttäuschen. Viele Hersteller von Chili-Ketchup und ähnlichem wissen gar nicht, dass Leute, die gern scharf essen, wirklich scharf meinen und nicht bisschen pikant. Neulich habe ich aber einen Glücksgriff gemacht und einen wirklich höllisch scharfen Senf erwischt. Davon schenk ich meinem Kollegen Tilmann zum Geburtstag 50 Gläser. Den Eierschalensollbruchverursacher hat er ja schon.

Chili-Senf gibt es im Senfsalon, Hagelberger Str.46, Kreuzberg, www.senfsalon.de

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar