Zeitung Heute : Kontaktmangel

SUSANNA NIEDER

Evelin Förster mit Chansons und Texten aus der Weimarer Republik in der Vaganten BühneSUSANNA NIEDERKupferroter Bubikopf.Schwarzer Herrenanzug.Schlips oder wahlweise Fuchspelz: Die Zeichen stehen auf Weimarer Republik.Doch bevor der Abend losgeht, weiß das Publikum ohnehin schon aus Selbstdarstellung und Programmheft, daß Evelin Förster sich dem Chanson von 1918 bis 1933 "mit Leib und Seele verschrieben hat".Hier ist eine Spezialistin am Werk, und daß das ja jeder mitbekommt! Sie weiß nicht nur besser als wir, was in Weimar abging.Sie weiß es auch besser als die Autoren ihrer Lieder. Evelin Förster interpretiert, was das Zeug hält.Kein Wort ohne begleitende Geste, kaum eine Pointe, der sie nicht vor interpretatorischem Eifer die Luft abdreht.Den Texten selber bleibt kein Raum, um Eigenwirkung zu entfalten.Anfangs, beim "Totentanz" von Friedrich Hollaender (1920), glimmt ein winziges Fünkchen auf, auch "Die Dame von der alten Schule" (1932) läßt noch einmal hoffen, doch dann regiert die Leblosigkeit."Der Graben" (1926), einer von Tucholskys ungeheuerlich luziden Texten, 1945 von Hanns Eisler vertont und von Ernst Busch vorgetragen, müßte einem den Schweiß auf die Stirn treiben, doch es passiert - nichts. Zwischen den Liedern verliest Evelin Förster mit Dagmar-Berghoff-Blick Daten aus dem Jahr 1933, die sich mit Banalitäten aus dem Gesellschaftsleben abwechseln.Zunächst recht interessant, wird das in dem Maße quälend, in dem sich das Publikum vernachlässigt fühlt.Die Sängerin ist so sehr damit beschäftigt, Perfektion herzustellen, daß ihr keine Kapazitäten bleiben, um Kontakt zum Zuschauerraum aufzunehmen.Die einzige Kommunikation findet zwischen ihr und dem Pianisten Jürgen Pfeiffer statt, der seinerseits mit seinem Vortrag von "Seine Rohheit der Masseur" den einzigen wirklich charmanten Moment des Programms beisteuert. Vaganten Bühne, wieder am 16.und 17.September, 20 Uhr.

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