Zeitung Heute : Kontrollierte Extravaganzen

JÖRG KÖNIGSDORF

Ida Haendel, Brahms, Ashkenazy und das DSO in der PhilharmonieJÖRG KÖNIGSDORFGewonnen hat Ida Haendel eigentlich schon, wenn sie zierlichen Schritts mit ihren spannenhohen silbernen Stöckelschuhen das Podium der Philharmonie erklimmt.Die tiefrosa leuchtende Konzertrobe mit ihrem verwegenen schwarzen Spitzenbesatz verströmt eine souveräne Extravaganz, die aufs Lebhafteste mit der eisernen konzentrierten, fast bewegungslosen Haltung kontrastiert, die die große alte Dame des Geigenspiels einnimmt, sobald Vladimir Ashkenazy mit der Orchestereinleitung des Brahms-Violinkonzertes anhebt. Denn bis zur Musik läßt Ida Haendel den mondänen Glanz ihrer Erscheinung nicht vordringen, ihr Spiel wirkt vor allem kontrolliert, drängt sich nie mit zuckrig zerdehnten Kantilenen oder aggressivem Bogenstrich in den Vordergrund.Mit silbern schlankem Ton spielt sie den Kopfsatz, läßt das Hauptthema ganz unaufdringlich leuchtend aus den Eingangsfigurationen erstehen, spinnt ihren Violinfaden mit entwaffnender Schlichtheit fort.Dennoch kommt kein wirklich großer Konzertabend zustande, entspringt Haendels Spiel an diesem Abend nicht der Funke, den etwa Leon Fleisher eine Woche zuvor mit der Staatskapelle entzünden konnte.Das Adagio tritt auf der Stelle, hier wählt Haendel für die geforderten piano- und dolce-Markierungen einen zu festen, zu schweren Ton, wirkt ebenso befangen wie im Finale, das hier nicht befreiende Spiellaune, sondern einen fast grimmigen Gestus erhält.Auch das DSO, sonst unter seinem Chef in verläßlicher Spitzenform, hatte dieses reine Brahms-Programm ein wenig auf die leichte Schulter genommen.Wiederholte kleine Patzer bei den Bläsern, leichte Streicherunsauberkeiten in den hohen Lagen ließen den Abend nicht über Routine auf hohem Niveau herausragen.Zumal Ashkenazy zwar noch eine angenehm frische "Tragische Ouvertüre" ohne schleppende Tiefgründelei bot, in den "Haydn-Variationen" jedoch zu pauschal blieb.Versprach das Thema noch eine fast tänzerische Grazie, dominierte in den Variationen ein pauschaler sinfonischer Zug auf die Final-Passacaglia hin, der die feinen Stimmungskontraste der Einzelepisoden zu sehr nivellierte.

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