Zeitung Heute : Kontroverse an der Küste

Mit Windparks im Meer könnte Deutschland sein Klimaschutzziel erreichen

Paul Janositz

Eigentlich ist die Sache einfach und bestechend. Der Wind liefert Energie, man muss sie nur entnehmen. Windenergie ist sauber, bei ihrer Gewinnung entsteht kein klimaschädliches Kohlendioxid, wie es bei Kohlekraftwerken der Fall ist. Es bleiben auch keine problematischen Abfälle zurück wie bei der Kernkraft. Wenn zum ökologischen Vorteil noch der durch das „Erneuerbare-Energien-Gesetz“ geförderte ökonomische Nutzen kommt, dann müssen eigentlich Windenergieanlagen gebaut werden, wo immer es geht. So geschah es auch in den letzten Jahren. Mittlerweile drehen sich etwa 16 500 Windräder und erzeugen insgesamt rund 16 Gigawatt Energie. Doch wegen der „Verspargelung“ der Landschaft durch die vielen, hohen Türme gibt es immer mehr Kritik.

„Ab ins Meer“, lautet nun die Devise, dort fallen die Anlagen nicht so ins Auge und zudem weht dort der Wind stärker und stetiger als an Land, so dass die Energieausbeute um rund 40 Prozent größer ist. „Anders als durch den Aufbau von Windparks im Meer lässt sich das Klimaschutzziel der Bundesregierung nicht erreichen“, sagt Jörg Feddern, Energieexperte bei Greenpeace in Hamburg. Mit dem Kyoto-Protokoll haben sich die Industrieländer verpflichtet, ihren Ausstoß von Treibhausgasen bis 2020 um zwanzig Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken.

So stehen die Umweltaktivisten fest hinter Bundesumweltminister Jürgen Trittin, der bis 2030 den Bau von Offshore-Anlagen mit einem Potenzial von 25 bis 30 Gigawatt erreichen will. Doch die Planerfüllung stockt. Noch dreht sich kein Windrad über deutschem Meeresgrund. Andere Anrainerstaaten an Nord- und Ostsee wie Dänemark, Schweden, Niederlande oder Großbritannien sind da schon weiter. In Dänemark etwa ist zehn Kilometer vor den Inseln Lolland und Falster das bisher weltweit größte Windkraftwerk in Betrieb. 72 Mühlen liefern auf einer Fläche von 24 Quadratkilometern Energie, die für etwa 145 000 Eigenheime reichen würde.

In der Irischen See wurde jetzt der Arklow-Windpark, der mit 25 Megawatt (MW) Nennleistung 16 000 irische Haushalte mit Strom versorgen kann, nach einjähriger Testphase offiziell eingeweiht. Bei erfolgreichem Betrieb soll das zehn Kilometer vor der Küste gelegene Kraftwerk zu einem Offshore-Park mit über 500 MW Leistung ausgebaut werden.

Es ist ja nicht so, dass die Anlagenbauer hier zu Lande nicht auch wollten oder könnten. Ganz im Gegenteil, die deutsche Technik ist international führend und die Windkraftindustrie wird ungeduldig. „Es könnte sein, dass der technologische Vorsprung von eineinhalb Jahren, den die deutschen Ingenieure der ausländischen Konkurrenz voraus sind, verspielt wird“, sagt Fritz Vahrenholt, Chef des Anlagenbauers Repower Systems. Die Firma hat jetzt in Brunsbüttel eine 120 Meter hohe Pilotanlage an Land errichtet, mit der die Tauglichkeit für das Meer demonstriert werden soll.

Die eigentliche Nagelprobe kommt jedoch, wenn sich der Rotor mit 126 Metern Spannweite tatsächlich einmal auf offener See drehen sollte. Für einen wirtschaftlichen Betrieb dürfen die Windparks mit bis zu 90 Rotoren nämlich nicht besonders reparaturanfällig sein. Reparaturen und Wartung sind erheblich schwieriger und teurer als an Land.

„Jetzt müssen bürokratische Hürden abgebaut und der Netzausbau beschleunigt werden“, sagt Peter Ahmels, Präsident des Bundesverbandes WindEnergie (BWE) in Berlin. Zwar hätten sich die Geschäfte der Branche gut entwickelt, doch dies betreffe hauptsächlich den Export, dessen Anteil 2004 erstmals die 50-Prozent-Marke überschritten habe und 2005 sogar gut zwei Drittel des Umsatzes ausmachen werde. „Der heimische Markt wird an Dynamik gewinnen, wenn die ersten Offshore-Projekte in Nord- und Ostsee verwirklicht werden“, betont Ahmels. Derzeit gibt es aber noch Unstimmigkeiten zwischen den Befürwortern der konventionellen Energieerzeugung und dem Windkraftverband. Dies spiegelt sich in der Bundesregierung wider, wo Wirtschaftsminister Wolfgang Clement den Konterpart zu Umweltminister Trittin gibt.

Mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen beschäftigte sich im Frühjahr eine Studie der Deutschen Energie-Agentur (Dena). Um bis zum Jahr 2015 die installierte Windenergieleistung auf 36 Gigawatt steigern zu können, davon zehn Gigawatt im Meer, müssen demnach 845 Kilometer Hochspannungsnetz neu- und knapp 400 Kilometer ausgebaut werden. Die Kosten sollen sich in den nächsten zehn Jahren auf 1,1 Milliarden Euro belaufen. Sind Investitionen in dieser Höhe akzeptabel? Und rechnen sie sich?

Für die Windparkbetreiber ist die Sache klar. Sie wollen loslegen. Dem Bundesamt für Seeschiffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg liegen mittlerweile 33 Anträge für Offshore-Windparks vor. „Neun Parks in der Nordsee und zwei in der Ostsee sind bereits genehmigt“, sagt BWE-Sprecher Hochstätter. Aber noch möchten Naturschützer verhindern, dass die mehr als 100 Meter hohen Giganten in den Meeresboden gerammt werden. Sie befürchten eine tiefgreifende Störung der Tier- und Pflanzenwelt. Meeressäuger orientierten sich sehr stark akustisch, so dass sie durch die Einbringung von Schall während der Bau- und Betriebsphase von Windkraftanlagen ihren Lebensraum verlieren könnten. Auch die Zugvögel seien gefährdet, da sie durch die riesigen Bauten von Überwinterungs- und Rastplätzen vertrieben und zudem durch die Rotoren verletzt werden könnten. Schließlich könnten auch falsch gesteuerte oder manövrierunfähige Tanker mit den Windrädern kollidieren und Meer und Küsten auf Jahre hinaus verseuchen.

Alle ökologischen Bedenken seien berücksichtigt, meint Greenpeace-Experte Feddern. Eines allerdings sei klar. Innerhalb von Nationalparks dürften keinesfalls Windmühlen gebaut werden. Darüber hinaus zeigten aber Untersuchungen, dass Vögel die Windparks weiträumig umflögen oder unbeschadet unter den Rotorblättern durchflögen. Das habe sich auch in dänischen Meeresparks gezeigt.

Dass die touristische Attraktivität, wie von Kritikern befürchtet, leiden könnte, hat sich laut dänischer Erfahrungen mit dem Offshore-Park Nysted ebenfalls nicht bewahrheitet. Die Windmühlen im Meer erweisen sich als Sehenswürdigkeit, zu der gut gebuchte Bootsfahrten unternommen werden. Zu den zukünftigen deutschen Offshore-Parks müssten die Touristen allerdings längere Fahrten unternehmen. Sie liegen 35 bis 40 Kilometer weit im Meer und sind von der Küste aus bei klarer Sicht höchstens als kleine Striche zu erkennen.

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