Zeitung Heute : Konzeptionelle Strenge

ULF MEYER

Neues Bauen in Berlin: Zwei Wohnwürfel in AltglienickeVON ULF MEYERDie Normen, die Sozialwohnungen bestimmen, sind allen Architekten ein Graus.Tim Heide und Verena von Beckerath ist es bei ihren beiden Würfeln im Neubauviertel von Alt-Glienicke in Treptow dennoch gelungen, mit einfachen Mitteln aus der Knauserei mit Quadratmetern auszubrechen und großzügige Wohnräume zu schaffen. Die städtebauliche Vorgabe in Alt-Glieniêke von Pieper und Partner ist lose an der Blockrandbebauung orientiert und ergänzt eine Plattenbausiedlung am Rande der Stadt unweit des Flughafens Schönefeld.Die Stadtplanung sah L-förmige Riegel in jedem Block vor, die von je drei Punkthäusern zu einem "U" ergänzt werden.In einem der Höfe entstanden die beiden Würfel von Heide und von Beckerath.Zusammen mit dem Büro Mussotter und Poeverlein waren sie für ihre Entwürfe im Rahmen des EUROPAN-Wettbewerbs "Experimentelles Wohnen" 1988 in Berlin mit einem ersten Preis ausgezeichnet worden.Im Verlauf eines "autistischen Verfahrens" sollte den Architekten die Möglichkeit gegeben werden, ein erstes Projekt dieser Größe fertigzustellen. Auch die quadratischen Grundrisse der Häuser von 15 mal 15 Meter waren vorgegeben.Zu IBA-Zeiten hätte man dergleichen "Stadtvillen" genannt.Das architektonische Vokabular von Heide/von Beckerath belegt jedoch, wie weit man sich mittlerweile von den bisweilen neckischen Architekturen der IBA-Ära entfernt hat.Für die gleiche Grundform haben die Architekten ganz unterschiedliche Lösungen gefunden. Bei kleinen quadratischen Grundrissen ist die Lage des Treppenhauses entscheidend.Heide und von Beckerath verfolgten die Strategie, das Haus "nicht durch eine Linie, sondern durch einen Raum" zu trennen, wie Verena von Beckerath erläutert.Die einläufige Treppe und Abstellräume, die den fehlenden Keller kompensieren, ergeben ein schmales Mittelband, das das ganze Haus durchzieht.Raffiniert detaillierte Geländer sparen das Treppenauge.Küchen und Bäder der 3-Zimmer-Regelwohnungen sind zur Seite orientiert, während die Wohnräume sich nach Nordosten über große Balkone mit Schiebetüren weg von der Straße zum Hof hin öffnen.Das Quadrat erhält dadurch eine klare Vorder- und offene Rückseite.Alle drei Obergeschosse sind als Zweispänner zum "Durchwohnen" organisiert.Weil das Haus nicht unterkellert ist, mußten die Nebenräume im Erdgeschoß untergebracht werden.Dadurch entstehen im Erdgeschoß zwei kleinere Wohnungen als Sondertypen. Die Balkone bestehen aus Fertigteilen und weisen liebevoll detaillierte Geländer auf.Das Besondere an den Grundrissen ist jedoch, daß es den Architekten gelungen ist, statt winziger dunkler Flure und Kastenzimmer eine zusammenhängende Fläche mit raumhohen Schiebetüren aus Holz (Buchenfurnier) anzubieten.Der fließende Raum erinnert etwa an das Haus Lemke von Ludwig Mies van der Rohe in Hohenschönhausen von 1932.Die Art, wie die Mieter sich eingerichtet haben, mit dem ungewöhnlich offenen Raum der Diele, ist ein Kompliment an die Architekten.Die Schiebetüren funktionieren nicht nur technisch gut, sondern auch ideell. Die beiden grundrißgleichen Würfel kommen ohne vorgestellte Vordächer oder sonstigen Schnickschnack aus.Der Eingang von der Porzer Straße ist in den präzisen Körper eingeschnitten und mit gewöhnlichen Schaltafeln verkleidet.Dieses Material findet sich in der Mitte der Hofseite noch einmal wieder.Es harmoniert farblich mit dem ins Blau spielenden Braunton der Klinker, die für die gesamte Siedlung vorgegeben waren und deren dunkler Ton der Siedlung eine "schwere" Atmosphäre gibt.Den Hagemeister Klinker mit dem schönen Namen "Alt Berlin" hat Hans Kollhoff schon in den späten achtziger Jahren in Berlin populär gemacht.Harte Kontraste, die viele andere Architekten in der Siedlung - etwa am Ende der Zeile - mit hellen Putzflächen herstellen, haben die beiden Planer vermieden.Die weißen Kunststoffenster, die einen harten Kontrast zu den Steinen bilden, waren ebenfalls eine Materialvorgabe im ganzen Quartier.Das Klinkerband windet sich U-förmig um das Haus.Es nimmt damit auch das U-Motiv aus dem Städtebau wieder auf. Weil Mieter häufig als erstes schwere Gardinen aufhängen, ist die von Architekten geliebte Transparenz spätestens seit dem Beginn der klassischen Moderne ein leidiges Thema.Die Architekten kommen mit nur einem einheitlichen französischen Fensterformat, selbst für das Treppenhaus, aus.Die unterschiedlichen Räume bilden sich also in der Fassade nicht ab.Verschiebbare Lochblech-Fensterläden aus Edelstahl bringen aber Spiel in die strenge Fassade.Um sie bündig ausbilden zu können, verschwinden sie im offenen Zustand in vertieften Blindfeldern.Sie ersetzen die Vorhänge und bieten sowohl Sicht- als auch Sonnenschutz. Den Architekten, die heute unter Heide/von Beckerath/Alberts firmieren, sowie der Bavaria als Bauherrin gelang eine unaufgeregte Lösung für das Problem, auch für Wohnungen im 2.Förderweg neue Wohnqualitäten zu schaffen.

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