Zeitung Heute : Kopfgeld im Internet: "Big Brother" ist out: Bei www.realityrun.com soll die Online-Gemeinde Menschen jagen

Markus Ehrenberg

In "Kopfgeld", dem Kinofilm, wird der Sohn von Mel Gibson entführt. Der Vater verspricht zwei Millionen Dollar für denjenigen, der die Verbrecher zur Strecke bringt, tot oder lebendig. Im Buch "Star Wars" setzt Darth Vader einen hohen Preis auf Han Solo aus, worauf sich die berüchtigsten Kopfgeldjäger der Galaxis auf den Weg machen. Im Western "Dead Man" sind die Kopfgeldjäger von Johnny Depp schwul. Und die Stadt Leipzig verspricht Neu-Studenten eine Umzugsprämie: 94 Mark Kopfgeld pro Semester.

Kopfgeld muss nicht immer eine ernste Angelegenheit sein. Trotzdem wird man stutzig, wenn man diese Ankündigung liest: Eine Internet-Firma sucht Menschen, die sich für ein Kopfgeld jagen lassen. Ein "Reality Runner" muss sich 24 Tage lang in einer Metropole versteckt halten. Gejagt von der Online-Gemeinde, die im Netz mit Informationen über den Aufenthaltsort des Gesuchten gefüttert wird. Damit der sich nicht ständig im Verborgenen halten kann, muss er Aufgaben lösen, die als Bilder-Files im Netz veröffentlicht werden. Der "RealityRunner" ist verkabelt, damit ihn die Öffentlichkeit abhören kann. Wer ihn stellt, gewinnt 10 000 Dollar. Bleibt er unentdeckt, sichert er sich die Prämie.

Im Internet werden soviel Moorhühner geschossen, wird geprahlt, gespielt, gewonnen, gezeigt. Man glaubte, nach "Big Brother" könne nichts mehr kommen. Und nun das: das Netz als Jagdinstrument. Für ihre "Internet-Reality-Show" rührt die Firma ExtraMileAG seit Wochen die Werbetrommel, damit die Öffentlichkeit nach "Big Brother" überhaupt noch hinhört, wenn Menschen live im Internet gejagt werden. Die PR-Krönung: ein Fax an die Presse. Kirche und Medien hätten schon gegen das Spiel protestiert. RTL-Chef Gerhard Zeiler wolle das Land verlassen, sollte sich "RealityRun" als TV-Format etablieren. Fehlt noch, dass die Macher ihre "Internet-Reality-Show" nach solchen Faxen gleich selber verbieten. Aber alles halb so schlimm. "Verbote lassen sich im Internet kaum durchsetzen", sagt SPD-Internet-Experte Jörg Tauss. Und der US-Sender NBC plant längst ein TV-Format, wo jemand von der Ost- zur Westküste mit der Webcam gejagt wird.

Wie bei Zlatko & Co. sind das Spannende an solchen Shows die Kandidaten. Wie muss man sich die Internet-Stadt-Desperados vorstellen? Wie Henry Fonda in "Spiel mir das Lied vom Tod"? Dürfen auch Frauen verfolgt werden? "Ja. Ein paar Tausend haben sich schon über unsere Website beworben", sagt Alexander Skora von ExtraMile AG. Erste medizinische und psychologische Kandidatentests finden am Freitag in Berlin statt. Durchgeführt werden sie von der Medienpsychologin Konstanze Fakih - unvergessen durch eine Analyse in der "B.Z.", wo Fakih mit der Deutung der Liebestänze von Stefanie Graf und André Agassi zwei Seiten füllte.

Bei der Kopfgeldjagd per Internet sind andere Qualitäten gefragt. "Die Kandidaten müssen belastbar und kreativ sein", sagt die Psychologin. Sie werden in einer für sie fremden Stadt ausgesetzt, haben keine Ausrüstung, keine Wohnung, Kabel am Körper. Am 1. August taucht der erste "RealityRunner" in Berlin unter, für 24 Tage. Wenn er durchkommt, darf er sich 2001 in New York zum großen Hauptgewinn jagen lassen, gegen sechs andere Städtesieger - für 100 000 Dollar. Wer die gewinnen will, sollte sich vorher seinen persönlichen Kopfgeldjäger im Internet anschauen. Der "RealityHunter" Jack Black ist Combat-Soldat und Scharfschütze.

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