Zeitung Heute : Kopfrechnen: 60 Stellen hinter dem Komma

Michael Simm

Auf die Frage "Was ergibt 31 geteilt durch 61?" würden die meisten Menschen wohl mit "ungefähr 0,5" antworten. Auch der gelernte Versicherungskaufmann Rüdiger Gamm bewältigt diese Division im Kopf, allerdings gibt er die Antwort mit einer Genauigkeit von 60 Stellen hinter dem Komma. Als der Rechenkünstler in der Fernsehsendung "Wetten dass?" die Zahl 87 zwölf Mal mit sich selbst multiplizierte und aus dem Stand die korrekte Lösung lieferte (188 031 682 201 497 672 618 081), fragten sich wohl Millionen von Zuschauern, wie ein menschliches Gehirn derartige Leistungen vollbringen kann.

Die Antwort liefert jetzt eine Gruppe von Neurowissenschaftlern um Mauro Pesenti von der Katholischen Universität Louvain (Belgien). Sieben Jahre nach der gewonnenen Fernsehwette berichten sie in der Fachzeitschrift "Nature Neuroscience", dass Gamm gelernt hat, bestimmte Bereiche seines Gehirns als zusätzlichen Arbeitsspeicher zu nutzen. In Regionen, die normalerweise für persönliche Erinnerungen reserviert sind, scheint Gamm die Zwischenergebnisse seiner Kalkulationen abzulegen. Die allermeisten Menschen brauchen dafür das sehr begrenzte Speichervermögen des Kurzzeitgedächtnisses. Dies reicht gerade aus, um sich eine siebenstellige Telefonnummer zu merken oder bei einem Gespräch den Faden nicht zu verlieren. Für alles weitere sind wir auf Notizzettel, Taschenrechner und andere Hilfen angewiesen.

Für ihre Untersuchung ermittelten Pesenti und seine Mitarbeiter mit Hilfe der Positronen-Emmisions-Tomographie (PET) den Energieverbrauch des Gehirns beim Lösen verschiedener Rechenaufgaben. Beim Vergleich zwischen Gamm und sechs jungen Männern mit eher durchschnittlichen Mathekenntnissen entdeckten die Forscher gleich mehrere Regionen, die nur im Denkorgan des Mathegenies aktiv wurden.

Unter anderem nutzte Gamm zusätzlich die medial-frontale und die parahippocampale Windung seiner rechten Hirnhälfte. Beides sind Bereiche, die normalerweise als Langzeitspeicher für die Erinnerung an besondere Ereignisse, Orte und Situationen dienen. "Dies legt nahe, dass Experten einen Weg finden, um den unbegrenzten Speicherplatz des Langzeitgedächtnisses für die Erfüllung ihrer Aufgaben zu nutzen", kommentiert Brian Butterworth vom Institute for Cognitive Neuroscience in London.

Als Ausrede für Schwachmathiker sind die Erkenntnisse der Hirnforscher übrigens ungeeignet: Gamms Rechenkünste sind nämlich keineswegs angeboren, sondern der Lohn für harte Arbeit und ein Trainingsprogramm, das bis zu vier Stunden Kopfrechnen am Tag umfasst.

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