Zeitung Heute : Korea-Gipfel: Beim historischen Treffen von Nord- und Südkorea sitzt die Weltpresse vor dem Fernseher

Harald Maass

Als die beiden koreanischen Führer am Dienstag ihre Hände drückten, herrschte bei den 500 in die nordkoreanische Hauptstadt angereisten Journalisten Hektik. Doch während die Welt gebannt nach Pjöngjang schaut, muss sich die Weltpresse die Ereignisse auf dem Fernseher in Seoul anschauen. Nur 50 südkoreanische Journalisten durften den südkoreanischen Präsidenten begleiten. "Niemand kann wirklich kontrollieren, was in Pjöngjang passiert", sagt Ian King von der Nachrichtenagentur Bloomberg. Die meisten ausländischen Reporter sind ins 200 Kilometer entfernte Seoul gereist, um über den Gipfel zu berichten. Im Ballsaal eines Luxushotels hat die südkoreanische Regierung ein riesiges Pressezentrum eingerichtet - mit zwei riesigen Fernsehleinwänden: Hier laufen die TV-Bilder von den mitgereisten südkoreanischen Journalisten aus Pjöngjang auf - zensiert. "Wir können nur das senden, was uns die Koreaner geben", sagt ein amerikanischer Korrespondent. Eigene Recherchen, selbst per Telefon, sind unmöglich. Zwischen Pjöngjang und Seoul gibt es keine öffentlichen Telefonleitungen.

In den Vorbereitungen zum Gipfel war die Berichterstattung einer der größten Streitpunkte. Die demokratisch gewählte Regierung in Seoul wollte mindestens 80 Journalisten, darunter auch Ausländer, mitnehmen. Die stalinistische Führung in Pjöngjang wollte dagegen möglichst keine unabhängigen Beobachter. "Die südkoreanischen Kollegen sind unter enormem Druck der Regierung", sagt King von Bloomberg, seit acht Jahren Korrespondent in Seoul. Die Regierung fürchte, dass eine zu kritische Berichterstattung eine Annäherung der beiden Seiten verhindern könnte. Außer mit der offiziellen Delegation dürfen mitgereiste südkoreanische Journalisten ihr Hotel nicht verlassen, jeder "direkte Kontakt mit Nordkoreanern" sei verboten, berichtet die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap. Um überhaupt etwas vom "normalen" Leben in Pjöngjang mitzubekommen, haben Südkoreaner am Mittwoch vom Dach ihres Hotels den Straßenverkehr beobachtet. "Die Reporter sahen einige Bürger, wie sie einen Spaziergang entlang des Daedong Flusses genossen", hieß es dann. Nordkoreas Propagandamedien hätten es nicht besser schreiben können.

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