Zeitung Heute : Koreas "Eiserner Vorhang": Der Feind, der plötzlich vor dir steht

Hans Christoph Buch

Es gibt nur wenige Orte, an denen sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts so verdichtet, dass sie sichtbar, hörbar, fühlbar wird. Panmunjom, die Joint Security Area an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea, ist solch ein Ort. Das Wort Grenze ist eigentlich fehl am Platz, denn anders als im geteilten Deutschland, mit dem Korea öfter verglichen wird, handelt es sich nicht um eine mit Mauer und Stacheldraht befestigte Staatsgrenze, sondern um eine vier Kilometer breite, 170 Kilometer lange Pufferzone zwischen zwei kriegführenden Armeen, DMZ (Demilitarized Zone) genannt.

Worte wie Todesstreifen und Niemandsland fallen mir ein beim Anblick des Metallgitterzauns Made in GDR und des Wachturms mit verspiegelten Fenstern, hinter denen die Feldstecher und Zielfernrohre nordkoreanischer Soldaten auf uns gerichtet sind, während der Kommandeur der amerikanischen UN-Truppen, Oberstleutnant Bothwell, mich über eine blau lackierte Holzbrücke zu einer blau gestrichenen Baracke geleitet. Um Missverständnisse mit tödlichem Ausgang zu vermeiden, sind alle UN-Gebäude blau, die Einrichtungen der KPA - so heißt die nordkoreanische Armee im Militärjargon - dagegen weiß gestrichen. Bothwell hat mir eingeschärft, die blaue Armbinde, die mich als Journalist ausweist, gut sichtbar am Ärmel zu tragen, und zur Sicherheit werde ich von US-Marines in gescheckten Kampfanzügen eskortiert, die den Wachturm der Nordkoreaner nicht aus den Augen lassen.

Die vierspurige Autobahn von Seoul nach Norden führt kilometerweit am Han-Fluss entlang: Reisfelder mit Vogelscheuchen, von Möwen umkrächzte Eisschollen, Brückenpfeiler, mit Stacheldraht umwickelt zur Abwehr nordkoreanischer Infiltration; befestigte Uferböschung mit Sandsackverhauen, Beobachtungsposten und Artilleriestellungen; verschneite Kiefernwälder, in denen südkoreanische Soldaten in Tarnuniformen den Ernstfall proben, bis kurz vor Panmunjom die Straße - und damit die Welt - zu Ende ist: "Checkpoint Alpha - Stop - Military Personnel only", heißt es auf dem Schild.

Trotz der von beiden Seiten angestrebten Wiedervereinigung ist der Kalte Krieg nicht beendet, nur an den Fronten festgefroren. Dagegen sieht es in der entmilitarisierten Zone auf den ersten Blick friedlich aus: "Demarcation line" steht auf einem gelben Blechschild, das hier seit 47 Jahren vor sich hinrostet, auf Englisch, Koreanisch und Chinesisch, obwohl die von Mao entsandte Volksarmee, angeblich alles Freiwillige, schon 1958 abgezogen ist. Im Zentrum des Sturms herrscht keine Stille, sondern nervtötender Lärm: Tag und Nacht plärrt nordkoreanische Volksmusik aus Lautsprechern, unterbrochen von Märschen und patriotischen Aufrufen, die außer über die Demarkationslinie hüpfenden Hasen und Füchsen niemand hört. In Gegenrichtung schallt die südkoreanische Hitparade durch den Wald, angesagt von einer verführerischen Frauenstimme, die für Präsident Kim Dae Jungs Sonnenscheinpolitik wirbt.

Anders als im geteilten Deutschland ging Südkorea bis vor kurzem von der Existenz zweier Staaten aus, während der kommunistische Norden die Wiedervereinigung propagierte. Und anders als an der von Fluchthelfern unterwühlten Mauer in Berlin sprengte Nordkoreas Armee kilometerlange Tunnel durchs Gestein, um Agenten und Saboteure nach Südkorea einzuschleusen: "Jeder Tunnel ist so viel wert wie zehn Atombomben", hatte der Geliebte Große Führer Kim Il Sung erklärt.





"Ich komme mir vor wie in einem absurden Theaterstück", sagt Tom Bothwell, "kafkaesk ist das richtige Wort dafür. Ich gehöre zur US-Navy, aber ich bin der Uno unterstellt und nicht auf See, sondern auf dem asiatischen Festland stationiert. Aus historischen Gründen, weil die Waffenstillstandsverhandlungen ursprünglich auf einem Schiff stattfinden sollten, ist die Joint Security Area mit Marinesoldaten bemannt. Der Begriff entmilitarisierte Zone ist ein Witz, denn nirgendwo auf der Welt ist mehr militärische Hardware konzentriert als nördlich und südlich des 38. Breitengrads. Dabei sind auf unserer Seite nur hundert leicht bewaffnete Soldaten stationiert. Wir halten uns an das Waffenstillstandsabkommen, aber inwieweit die Nordkoreaner das tun, weiß nur ihr Großer Führer Kim Jong Il. So heißt er offiziell - im Unterschied zum Geliebten Großen Führer Kim Il Sung. Wir sprechen vom großen und vom kleinen Kim, aber um die Gefühle der anderen Seite nicht zu verletzen, nenne ich ihn am Telefon supreme commander."

Er klappt einen Holzkasten auf, der durch ein Vorhängeschloss vor unbefugtem Zugriff gesichert ist, und zeigt auf ein altmodisches Feldtelefon, das mit Hilfe einer Kurbel in Gang gesetzt wird. "Dieses Museumsstück aus der ehemaligen Sowjetunion ist unsere einzige Verbindung nach drüben. Manchmal läutet es wochenlang nicht, dann wieder mehrmals am Tag. Mein Dienst besteht zu 99 Prozent aus stumpfsinniger Routine. Aber jedesmal, wenn der Kasten klingelt, geht es um Krieg oder Frieden, zumindest aber um Leben oder Tod. Deshalb steht rund um die Uhr ein Dolmetscher bereit, und um linguistische Missverständnisse auszuschließen, finden regelmäßig Sprachtreffen statt."

Ich will wissen, wann das Telefon zum letzten Mal geklingelt hat. "Im Juni 1999, als Nord- und Südkorea sich eine Seeschlacht lieferten, die nach einer Viertelstunde mit der Versenkung eines nordkoreanischen Patrouillenboots endete, und im Februar 1998, als ein nordkoreanischer Politoffizier in den Süden überlief. Als sein Fehlen bemerkt wurde, war er schon außerhalb der entmilitarisierten Zone, in Sicherheit. Kurz danach hörten wir Schüsse; seine Kameraden wurden liquidiert, weil sie den Flüchtling nicht erschossen hatten. Oder im September 1996, als ein mit Agenten bemanntes U-Boot an Südkoreas Küste strandete. Die elfköpfige Besatzung beging Selbstmord, aber ein Mordkommando ging an Land und tötete 15 Südkoreaner, bevor es in Kämpfen aufgerieben wurde. Nur ein Nordkoreaner hat die Kamikaze-Aktion überlebt."

Wir betreten eine mit rotem Teppichboden ausgelegte überheizte Baracke. In der Mitte ein rechteckiger Tisch mit Stühlen, über deren Höhe und Form lange und zäh gestritten worden ist. Ein Wald von Fahnen deutet darauf hin, dass wir uns an einem welthistorischen Ort befinden. Die Demarkationslinie verläuft quer über die Tischplatte. Wenn ich um den Tisch herumgehe, bin ich auf nordkoreanischem Gebiet, und wenn ich die gegenüberliegende Tür öffne, löse ich einen Schusswechsel oder eine internationale Krise aus wie der deutsche Arzt Dr. Vollertsen, der hier Mitte Januar gegen Menschenrechtsverletzungen in Nordkorea protestierte und von südkoreanischen Wachposten überwältigt wurde. Im November 1984 gab es ein Feuergefecht, als ein Angehöriger der Sowjetbotschaft aus Pjöngjang bei einer offiziellen Besichtigungstour die Demarkationslinie überschritt, um politisches Asyl zu suchen. Der Diplomat blieb unverletzt, aber vier Nordkoreaner starben im Kugelhagel.

Wir fahren im Jeep den Hügel hinab. Vermintes Brachland, Tierspuren im Schnee, dazwischen Reisfelder, die von hochsubventionierten Bauern aus Südkorea bewirtschaftet werden. Das Leben in der entmilitarisierten Zone ist gefährlich, bei Nacht herrscht Ausgangssperre. Jenseits der Grenze ein Potemkinsches Propagandadorf: während ganz Nordkorea im Dunkeln versinkt, gehen in den leer stehenden Häusern die Lichter an.

Vor uns liegt eine verwitterte Steinbrücke, Bridge of no return, über die 1953 Tausende von Gefangenen repatriiert wurden. Hier kam es im August 1976 zu einer gefährlichen Konfrontation, die die Welt an den Rand des Krieges brachte, obwohl oder weil Präsident Carter den Rückzug der US-Truppen aus Korea angekündigt hatte. Zwei amerikanische Offiziere wurden von Nordkoreanern mit Äxten totgeschlagen, als sie südlich der Brücke einen Baum zu kappen versuchten, dessen Äste die Sicht behinderten. Seitdem darf keine Militärpatrouille mehr die Demarkationslinie überschreiten, an der 62 Amerikaner, 272 südkoreanische und 380 nordkoreanische Soldaten ums Leben kamen. Nach Kim Dae-Jungs Besuch in Pjöngjang ging das Blutvergießen zurück, aber die Gewalt kann jederzeit neu aufflammen.

Ortswechsel. "Kim Il Sung war ein reizender Mensch. Er liebte die Literatur, vor allem Gorki und Tschechow, und ich habe mich sehr angeregt mit ihm unterhalten", sagt der südkoreanische Schriftsteller und Dissident Hwang Suk-Young, der mir in der Caféteria des Hilton Hotels in Seoul gegenübersitzt. Geboren 1943 in der Mandschurei, kämpfte er als südkoreanischer Soldat in Vietnam und fuhr als Sprecher eines Oppositionsbündnisses im März 1989 heimlich nach Pjöngjang, wo er sich mit Kim Il Sung traf. Er führte lange Gespräche mit dem nordkoreanischen Diktator, denen weitere Reisen und Begegnungen folgten. Sein Buch darüber wurde zum Bestseller in Südkorea, wo unautorisierte Kontakte mit dem Norden bis heute verboten sind und als Hochverrat gelten.

Auf Druck der südkoreanischen Regierung wurde Hwang Suk-Young aus Japan ausgewiesen und ging als DAAD-Stipendiat nach Berlin und später nach New York. Bei seiner Rückkehr wurde er am 16. März 1993 am Flughafen von Seoul verhaftet, in einem unterirdischen Gefängnis mit Elektroschocks gefoltert und zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt, von denen er fünf absaß. Obwohl die demokratische Opposition, Amnesty International und das UN-Menschenrechtskomitee für seine Freilassung plädierten, blieb er in Einzelhaft und verlor durch Vitaminmangel seine Zähne und die Hälfte seines Gewichts. Auch Gnadengesuche der Nobelpreisträger Wole Soyinka, García Marquez und Kenzaburo Oe bewirkten nichts: Hwang Suk-Young durfte keinen Besuch empfangen, keine verbotenen Bücher lesen und büßte vorübergehend sogar sein Sprechvermögen ein.

Ich will wissen, was einen südkoreanischen Intellektuellen, der Verfolgung und Zensur am eigenen Leib erfahren hat, an einem totalitären Staat wie Nordkorea fasziniert, wo jeder Dissens verboten ist. "Ich bin nach Pjöngjang gereist, um meinen Onkel zu treffen, der Kim Il Sungs Leibwächter und später Botschafter in Rumänien war, aber vor meiner Ankunft verstorben ist. Wie Sie wissen, hat die Teilung des Landes viele Familien auseinander gerissen. Und ich wollte etwas für die Wiedervereinigung tun. Kim Il Sung war mehr Nationalist als Marxist; er hat Nordkorea gewaltsam modernisiert und mit eiserner Faust regiert - wie bei einer Studentendemonstration, wo niemand aus der Reihe tanzen darf. Von Hause aus ist er Protestant - von daher der puritanische Zug seines Regimes. Er machte mich mit König Sihanuk bekannt und mit seinem Sohn Kim Jong Il, dessen Cleverness man im Westen unterschätzt. Was mich spontan für ihn einnahm, war die Tatsache, dass Kim Il Sung alle meine Romane gelesen hatte. Sie wissen ja, wie eitel Schriftsteller sind!" Hwang Suk-Young lacht und schreibt eine Widmung in ein Buch, das ihm eine Studentin zum Signieren vorlegt.

Am Abend wird am Goethe-Institut in Seoul der Film JSA vorgeführt, der in Südkorea ein Kassenschlager ist. Noch vor ein, zwei Jahren hätte ein solcher Film hier nicht produziert werden dürfen, denn er verletzt ein doppeltes Tabu, indem er nordkoreanische Soldaten nicht als Monster, sondern als menschliche Individuen porträtiert. Der Film zeigt die Absurdität der militärischen Konfrontation und das Leiden, das diese der geteilten Nation auferlegt, am Beispiel zweier Südkoreaner, die sich mit nordkoreanischen Grenzwächtern verbrüdern - ohne Wissen und gegen den Willen ihrer Vorgesetzten und mit deutlicher Spitze gegen die Schutzmacht USA. Die aufgeputschten Emotionen entluden sich, als südkoreanische Armeeveteranen aus Protest gegen ihre beleidigte Soldatenehre das Büro der Filmfirma demolierten. In Seoul gilt das Goethe-Institut als neutraler Ort, und eine öffentliche Podiumsdiskussion, an der neben dem Autor und dem Regisseur des Films auch hochrangige Militärs teilnahmen - ein südkoreanischer Oberst, ein Schweizer und ein schwedischer Offizier aus Panmunjom - eine solche Debatte wäre anderswo kaum möglich gewesen. Unter deutscher Federführung aber gelang der noch ungeübte Dialog zwischen Zivilgesellschaft und Armee. Das Leben imitierte die Kunst - nicht umgekehrt: "Hier wird der Frieden erhalten, indem man die Wahrheit verschweigt", lautet ein Kernsatz des Films. Der Schweizer General Evequoz hat ein literarisches Déjà-vu-Erlebnis: Nicht an die Berliner Mauer fühlt er sich erinnert, sondern an Dino Buzzatis Roman "Die Tatarenwüste": ein vorgeschobener Posten im Niemandsland, Warten auf einen Feind, der nie kommt, aber plötzlich vor einem steht ...

Auch in der Joint Security Area von Panmunjom ist der nach ihr benannte Film Tagesgespräch. "Erinnern Sie sich an die Szene mit dem jungen Hund, der die Brücke ohne Wiederkehr überquert", sagt Oberstleutnant Bothwell: "Er läuft in die falsche Richtung, nach Norden. Dort sind seine Überlebenschancen gleich null, denn in Nordkorea herrscht Hungersnot. Genauso ein Welpe ist uns vor ein paar Tagen zugelaufen. Wir haben ihn zum Maskottchen des Regiments ernannt. Bei uns kommt Lassie nicht auf die Speisekarte." - "Ich hasse Nordkoreas politisches System," fügt der Marineoffizier aus Südkalifornien hinzu, der sich nach dem Scheitern seiner Ehe freiwillig nach Panmunjom gemeldet hat, "aber ich habe nichts gegen die Boys auf der anderen Seite. Mit der Zeit habe ich sie sogar schätzen gelernt. Mein nordkoreanischer Gegenüber, Oberst Kwak Chol Hee, ist seit acht Jahren hier stationiert, und ich habe ihm zu seiner Beförderung gratuliert. Immer, wenn er mich als imperialistischen Kriegstreiber beschimpft, lächelt er, als bitte er um Nachsicht für die Propaganda, die er abspulen muss. Einmal kroch eine Fliege auf seiner Stirn herum, und er verzog keine Miene, um zu zeigen, wie gut er das Gesicht wahren kann. Am 24. Dezember tauschen wir Geschenke aus zum Gedenken an die Mutter von Kim Il Sung, die an diesem Tag Geburtstag hat. Oberst Kwak kriegt Whisky und Zigaretten von mir, und er schenkt mir die Gesammelten Werke Kim Il Sungs. Das Buch ist unlesbar, aber gut übersetzt."

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