Zeitung Heute : Kortner-Preis 1997in Berlin vergeben

Tsp "Und nun auch noch der Kortner-Preis, benannt nach einem alten Textwüterich!", rief Juror und Laudator Jürgen Flimm zwei Vielgepriesenen am Sonnabend kurz vor Mitternacht entgegen: dem Musiker und Regisseur Christoph Marthaler und seiner Bühnenbildnerin Anna Viebrock, die in der Berliner Volksbühne im Anschluß an ihre dort laufende "Drei Schwestern"-Inszenierung den von der Zeitschrift "Theater heute" gestifteten Kortner-Preis 1997 erhielten.Die zum 11.Mal vergebene Auszeichnung (letztjähriger Preisträger Peter Stein) ist mit nunmehr 25.000 Mark dotiert, und diese Summe wird jetzt auf Vorschlag des oder der Preisträger an einen oder mehrere Nachwuchskünstler als Förderung weitergegeben.In der Volksbühne, wo Marthaler und Intendant Frank Castorf auch ein witzig-musikalisches Festprogramm entworfen hatten, war bei dieser Premiere über die drei jungen Auserkorenen allerdings noch nicht viel mehr als die Namen - Annette Kuß, Isabel Osthues und Franziska Rast - zu erfahren; und daß sie alle drei als Regie- und Bühnenbildassistentinnen der beiden Preisträger sich ihre ersten Sporen verdient haben.Jürgen Flimm, Intendant des Hamburger Thalia Theaters und vor dreißig Jahren noch selbst Regieassistent bei Fritz Kortner an den Münchner Kammerspielen, rühmte die ebenso zeitgenössischen wie "zeit-losen" Figuren und Räume des Preisträger-Paares: "Nach all dem Video-Geflackere und der gegenwärtigen Beschleunigung der Politik (Originalton Marthaler) sind die sanften Tempi und die unmerklichen dynamischen Wechsel, die Stillen, geradezu aufrührerisch aktuell: Die offiziell erklärte Flut der ereignislosen Bilder gaukelt uns Bewegung, Tatkraft, Wille zur Veränderung, Fortschritt vor.Die Politik unseres Landes ist von selten dummer Immobilität.Diese Führungskräfte plumpsen nur leider nicht beraubten Sinnes von ihren Stühlen, sie bleiben: hocherhobenen Hauptes, stolz in scheinbar rasender Schnelligkeit ihrer Brabbelei.Marthaler ist allerdings listig genug, dies nicht einfach abzukupfern.Seine einsamen Figuren, die die hohen herzlosen Räume von Anna Viebrock besetzen, sind von seltener Künstlichkeit, doch wie genau beobachtet!(...)Blödmänner und Blödfrauen siedeln in diesen Sälen, sozialdemokratischen Feierräumen der feuchtkalten Fifties gleich, die ja auch in den Viebrockschen Knickerbockern, Nyltest- und eingegilbten Diolenhemden, Treviraschlabberhosen in Beige und Braun und Blau Wiederauferstehung feiern, in fröhlicher Depression.Dann immer wieder helle Sphärenklänge, und all diese Führungskräfte, Fallsüchtigen, Nasenbluter, Nachasylanten, Schwer- und Leichttrinker halten für Augenblicke lange lauschend inne: Kafkas Sirene und Preußens Trillerflötentöne zerreißen die andachtsvolle Stille wieder für neue Exerzitien, eine geheime Ordnungmacht beginnt.Das Chaos ist noch nicht aufgebraucht: Es war ja nie da, Ordnung ist das halbe Leben!" 

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