Zeitung Heute : Kosmisches Feuerwerk

Der Tagesspiegel

Von Paul Janositz

Ein verspätetes Osterfeuerwerk konnten die Menschen in Bayern am vergangenen Sonntag sehen. Die Freude über das farbenprächtige Himmelsspektakel war bei vielen Beobachtern jedoch gemischt mit bangen Gefühlen. Was spielt sich da oben eigentlich ab? Handelt es sich um harmlose Sternschnuppen, kündigt sich die Landung von UFOs an, oder stürzt ein Meteorit auf die Erde? Die Erinnerung wird wach an die bedauernswerten Dinosaurier, die durch den Einschlag eines riesigen Meteoriten in Mexiko ausgelöscht wurden.

„Einen Meteoriten dieser Größe hätte man lange vorher entdeckt", sagte Ralf Bender, Leiter der Universitätssternwarte München, dem Tagesspiegel auf Anfrage. Die amerikanische Weltraumbehörde Nasa und europäische Institutionen orten verdächtige Objekte und verfolgen penibel ihre Bahn. Derzeit gibt es keine Hinweise auf gefährliche Objekte aus dem Weltraum. In knapp 900 Jahren allerdings müssen sich unsere Nachfahren vorsehen. Dann könnte – wie berichtet – der Asteroid 1950 DA mit einem Durchmesser von einem Kilometer und dem Gewicht von 10 000 Megatonnen mit der Erde kollidieren. Für den Zusammenprall berechnet der amerikanische Forscher Jon Giorgini jetzt im Fachmagazin „Science" eine Wahrscheinlichkeit von 1 zu 300.

Derart gigantische Ausmaße hatte der Himmelsbrocken glücklicherweise nicht, der die Ursache für das Schauspiel am bayerischen Nachthimmel war. Immerhin rund 200 000 Stundenkilometer schnell war das kosmische Geschoss, schätzt Peter Stättmayer, der Leiter der Münchner Volkssternwarte. Mehr als faustgroß soll er gewesen sein, genau weiß man es nicht, da Meteoriten beim Eintritt in die Erdatmosphäre zumindest teilweise verglühen. Das spektakuläre Leuchten stammte nicht von dem Stein selbst, sondern von den Luftmolekülen auf der Bahn. Das kosmische Geschoss überträgt einen Teil seiner Energie auf die Luftmoleküle, die daraufhin Licht aussenden.

Sechs Sekunden Leuchten

An der spektakulären Lichtspur konnten sich die vielen Hobbyastronomen nur kurz erfreuen, als der nachösterliche Meteorit in Oberbayern über dem Wendelstein in die Atmosphäre eintauchte und in 80 Kilometern Höhe eine glühende Bahn in Richtung Allgäu zog. Dem etwa sechs Sekunden langen Leuchten folgte erst fünf bis sechs Minuten später ein Donnern. „Das war der Überschallknall", erklärt Stättmayer. Schall sei viel langsamer als Licht und brauche drei Sekunden, um einen Kilometer zurückzulegen.

Ob das kosmische Geschoss allerdings im Garten einer Bäuerin im oberbayerischen Zolling einschlug, muss erst noch geklärt werden. Nach erstem Anschein könnte es sich bei dem gefundenen Stück um einen Steinmeteoriten handeln, sagte Klaus Weber-Diefenbach von der Universität München. Möglicherweise bestehe es aus Basaltgesteinen ähnlich denen auf dem Mond. Voraussichtlich innerhalb der nächsten zwei Tage kann der Geologe genaueres sagen, wenn seine Untersuchung abgeschlossen ist.

Dass das Himmelsspektakel auf einen Meteoriten zurückgeht, darüber sind sich die Experten einig. Verglühender Weltraumschrott, der teilweise auch als Ursache genannt wurde, war es offensichtlich nicht. „Das hört man am Geräusch", sagt Astrophysiker Bender. Das leichte Donnergrollen sei typisch für das Zerplatzen eines Meteorits. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, dass ausrangierte Satelliten oder abgebrannte Raketenstufen auf die Erde fallen, nicht gering. Der Orbit ist quasi zum Müllplatz für irdische Objekte geworden.

8000 bis 9000 Objekte von mehr als zehn Zentimeter Durchmesser sind nach Angaben der Vereinten Nationen erfasst. Insgesamt sollen es nach Schätzung der Experten rund 100 000 Gegenstände sein, die größer als ein Zentimeter sind und die Erde umkreisen. Selbst die internationale Weltraumstation ISS war gefährdet. Im Oktober 1999 musste sie auf eine höhere Umlaufbahn gebracht werden, um der ausgebrannten Stufe einer Pegasus-Rakete auszuweichen.

Ebenfalls von einer Pegasus-Trägerrakete sowie von einem amerikanischen und argentinischen Satelliten stammten die Teile, die in der Nacht zum Sonntag in die Erdatmosphäre eindrangen, wie die Nasa mitteilte. Menschen wurden allerdings nicht gefährdet, da die Objekte völlig verglühten. Auch vor Meteoriten brauchen die Erdenbewohner keine große Angst zu haben. Zwar erreichen pro Jahr nach Schätzung von Experten mehr als 19 000 Meteoriten mit einer Masse von mehr als 100 Gramm die Erdoberfläche und hinterlassen beim Einschlag tiefe Krater. Allerdings werden höchstens zehn von ihnen gefunden. Die meisten kosmischen Brocken stürzen ins Meer oder auf unbewohntes Gebiet.

Ein katastrophaler Aufprall ereigne sich nur etwa alle 50 Millionen Jahre, sagt Experte Bender. Seit dem Dinosaurier-Sterben sind mittlerweile allerdings schon rund 65 Millionen Jahre vergangen. Vor rund 14,5 Millionen Jahren schlug ein großer Meteorit in das Nördlinger Ries zwischen Schwäbischer und Fränkischer Alb ein und hinterließ einen Krater von rund 24 Kilometern.

Das damalige Geschehen war zwar nicht weit vom jetzigen oberbayerischen Spektakel entfernt. Doch Astrophysiker Bender beruhigt. „Es ist viel wahrscheinlicher, vom Blitz erschlagen zu werden", sagt er. Auch vor Autounfällen oder Flugzeugabstürzen müsse man sich mehr fürchten, als vor dem Meteoriten aus den Tiefen des Weltalls.

Dies liege auch daran, dass Sonne und Jupiter als viele massereichere Himmelskörper die Meteoriten an sich ziehen. Ein bekanntes Beispiel ist der Komet Shoemaker-Levy, der 1994 auf den Jupiter prallte. Der Treffer erzeugte einen Feuerball, der so groß war wie die Erde.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben