Zeitung Heute : Kränkungen in Kauf nehmen

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Diese Kolumne ist einer sehr schönen jungen Frau mit einer bestickten hellblauen chinesischen Bluse gewidmet, die ich kürzlich auf einer Gala im Schloss Bellevue kennen gelernt habe. Nein, die Geschichte handelt davon, dass ich sie eben eigentlich nicht kennen gelernt habe. An einem Ort hohen Protokolls lernt man sich offiziell ja nur kennen, wenn man einander vorgestellt wird, und das war nicht der Fall. Sie war mir allerdings schon beim Aperitif aufgefallen, weil sie wirklich toll aussah und mir ihr Top aus irgendeinem Grund gut gefiel. Wahrscheinlich weil es nicht schwarz war. An den Orten des hohen Protokolls tragen die Leute nämlich am liebsten Schwarz, weil sie Angst haben, eventuell etwas falsch zu machen. Und mit Schwarz kann man todsicher sein, nichts falsch zu machen.

Auch ich trug Schwarz, allerdings mit einer goldschwarzgrün gestreiften Stola zum Kleid. Das Kleid hatte ich zehn Jahre nicht getragen, und es kam frisch aus der Reinigung. Als es zu der Begegnung mit der jungen Frau kam, war der offizielle Teil bereits beendet. Man konnte sich getrost dem Vergnügen hingeben, durch die Salons zu spazieren, Wein zu trinken und Small Talk auf hohem Niveau zu betreiben. Einen Moment lang blieb ich nachdenklich stehen, nicht sicher, in welche Richtung ich den Raum weiter durcharbeiten sollte. Da sprach sie mich von hinten an. „Entschuldigung!“ Ich drehte mich um, und sie lächelte ein bißchen verlegen. „Entschuldigen Sie, aber an Ihrer Stola ist noch ein Reinigungsschildchen.“ Total erschrocken drehte ich mich um. Tatsächlich!!!! Ein grellrosa Reinigungsabschnitt war mit einer Sicherheitsnadel außen an der Stola befestigt. Rasch nestelte ich ihn herunter und versenkte ihn in der Handtasche. Und bedankte mich in den höchsten Tönen für diese supernette Geste. „Klar“, sagte die Fremde. „Wenn mir das passieren würde, dann wäre ich doch auch froh, wenn mich jemand drauf aufmerksam macht.“

Stimmt natürlich, aber selbstverständlich ist das leider nicht. Vielleicht versteht es sich an Orten hohen Protokolls von selbst, weil sich dort oft Menschen versammeln, die den Blick fürs Wesentliche haben. Im richtigen Leben ist es eher so: Ein kleiner Kreis von Lästerzungen steht zusammen und tuschelt über eine gerade abwesende Kollegin, Kommilitonin oder Aerobic-Kameradin. „Deren Top sieht aus wie Wurstpelle“, heißt es vielleicht. Oder: „Wie die immer riecht! Absolut unterirdisch.“ Und dann kommt wie im Kanon wechselnder Stimmen oder wie im Chor der Satz: „Aber sagen kann man ihr das natürlich nicht. Sagen kann man ihr das nie!“

Warum eigentlich nicht? Weil man dann das herrliche Gefühl der eigenen Überlegenheit verliert? Weil man sich nicht vorstellen kann, dass man selber mal eine entsprechende Hilfestellung brauchen könnte? Warum vertraut man nicht einfach darauf, dass eine kurze Kränkung, die eine deutliche Verbesserung herbeiführt, dankbar aufgenommen wird? Und wer sagt überhaupt, dass die Kritik als Kränkung empfunden wird? Es weiß halt nicht jeder, wie ihm was steht oder wie ein bestimmtes Deo an ihm riecht. Oder dass man sich, egal, wie spät es schon ist, Zeit nehmen sollte für einen kurzen Blick in den Spiegel, bevor man auf eine sehr feine Gala geht.

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