Zeitung Heute : Kraft neuer Argumente

Anselm Waldermann

Die britische Regierung will wieder stärker in Atomenergie investieren. Warum setzen Staaten wie Großbritannien – anders als Deutschland – nun doch auf diese Technik?


Großbritannien hat ein großes Problem mit seiner Energieversorgung. Jahrzehntelang setzte das Land im großen Stil auf Erdgas – schließlich lagen die Nordseequellen direkt vor der Haustür. Unbekümmert verfeuerten die Briten die wertvolle Ressource, 40 Prozent ihrer Stromerzeugung basieren auf Gas.

Doch in letzter Zeit wird Nordseegas immer knapper, die Felder erschöpfen sich schneller als gedacht. Von einem Nettoexporteur wandelt sich Großbritannien deshalb zu einem Nettoimporteur. Während das Land bisher 80 bis 90 Prozent seines Erdgases selbst fördern konnte, muss es in Zukunft 80 bis 90 Prozent aus Regionen wie dem Nahen Osten, Afrika oder Russland beziehen, rechnet Premierminister Tony Blair vor.

Diese drohende Abhängigkeit will die Regierung vermeiden – und bringt deshalb die Atomkraft ins Gespräch. Vor dem Unternehmerverband CBI erklärte Blair, die Nuklearenergie dränge wieder „mit aller Macht“ auf die Tagesordnung. Unerwartet deutlich sprach sich Blair damit für den Bau neuer Atomkraftwerke aus.

Derzeit gibt es in Großbritannien 14 Kernkraftwerke, das jüngste ging 1988 in Sizewell ans Netz. Wenn es bei den gegenwärtigen Laufzeiten bleibt, müssten bis 2020 mit drei Ausnahmen alle Anlagen abgeschaltet werden. Doch genau das würde die Energieversorgung auf der Insel in Gefahr bringen, befürchtet Blair. Denn noch mehr Gas will niemand zur Stromerzeugung einsetzen. Und Kohlekraftwerke haben den Nachteil, dass sie besonders viel klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) ausstoßen. Blair erklärte deshalb, dass sein Land die Ziele zur Senkung der CO2-Emissionen verfehlen werde, sollte es seine Energiepolitik nicht ändern.

Der Neubau eines Atomreaktors hätte durchaus Symbolcharakter. Weltweit ist seit Ende der 80er Jahre kein einziges neues Kernkraftwerk ans Netz gegangen. Allerdings beginnt sich das gerade zu ändern: Finnland baut ein neues Kraftwerk, auch China hat mehrere Projekte angekündigt. „Ob das ein weltweiter Trend ist, bleibt noch offen“, sagt der Energieexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Hubertus Bardt. „Es zeigt sich aber, dass die Debatte neu entbrannt ist.“ Ohnehin sei die Kernenergie in keinem Land je so emotional diskutiert worden wie in Deutschland.

Allerdings: Auch Bardt räumt ein, dass Deutschland nicht zwangsläufig dem britischen Weg folgen muss. „Die Frage der Energieversorgung stellt sich für Großbritannien wesentlich stärker als für uns.“ So gebe es keine Gasleitungen von Russland auf die Insel, auch seien die Gaspreise dort zuletzt deutlich stärker gestiegen als auf dem Kontinent.

Aus britischer Sicht habe Blair deshalb Recht, sagt Bardt. „Zwei Probleme bleiben bei der Kernkraft aber immer bestehen: die Frage der Endlagerung und das Restrisiko.“ Umweltschutzgruppen haben bereits Widerstand gegen Blairs Pläne angekündigt.

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