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Zeitung Heute : Kraftvoll, eigenwillig, störrisch

23.01.2003 00:00 UhrVon Bernhard Schulz

Beton, so schön wie Sandstein: Christian de Portzamparc fügt den Neubau der französischen Botschaft zu einer kleinen Stadt für sich

Im Büro im 14. Arrondissement im Süden von Paris geht es hektisch zu. Die Mitarbeiter eilen zwischen den vier niedrigen Etagen hin und her, der Chef lässt sich nicht blicken. Endlich – doch nur ein flüchtiger Willkommensgruß: Man sei mitten in der Abgabe der Unterlagen für den Wettbewerb zur Französischen Botschaft in Berlin und könne, aus Sorge um die Geheimhaltung, den Besucher von der Spree derzeit nicht empfangen.

Der hatte den Architekten aufsuchen wollen, der die wunderbare Cité de la musique entworfen hat, jenen aus zwei höchst unterschiedlichen und doch aufs Schönste zusammenstimmenden Gebäuden bestehenden Komplex im vormals schäbigen Nordosten von Paris.

Dessen zweiter Teil war damals, Anfang 1997, gerade erst ein reichliches Jahr in Betrieb, wenngleich der Entwurf für beide Häuser bereits auf das Jahr 1984 datiert.

Das Pariser Dreigestirn

Jetzt tritt Christian de Portzamparc mit jenem Bauwerk in Berlin auf, das seinerzeit nur vor seinen Augen und auf den Papieren seines Büros stand: dem Neubau der Französischen Botschaft am Pariser Platz.

Im Dreigestirn der Großen der französischen (und somit Pariser) Gegenwartsarchitektur nimmt Portzamparc die Stelle des Stilbewussten ein, dessen, der aus sicherer Kenntnis der Tradition heraus einen zeitgemäßen Stil schafft. Jean Nouvel steht für die Provokation – wie in Berlin mit dem gläsernen Rund seines Kaufhauses Lafayette inmitten der kantig-steinernen Friedrichstraße –, Dominique Perrault für das Spiel mit der großen Form, wie in Paris mit den vier Ecktürmen der Bibliothèque nationale und in Berlin mit den ins Erdreich versenkten Sporthallen an der Landsberger Allee.

Christian de Portzamparc, 1944 in Casablanca geboren, in der Bretagne aufgewachsen und in den sechziger Jahren an der traditionsreichen Pariser École des Beaux-Arts ausgebildet, begann sein architektonisches Werk 1971 mit dem Entwurf eines Wasserturms. Ein ordinärer Wasserbehälter in der Pariser banlieue, im Kunstgebilde Marne-la-Vallée, aber in der Anmutung des Turms von Babel: So führte sich der junge Architekt ein. In den 25 Jahren seither folgte eine durchaus noch überschaubare Anzahl von Bauten, die keine Serienprodukte wurden wie bei so vielen Berufskollegen, sondern jeweils höchst sorgfältig durchgestaltete Einzellösungen für spezifische Aufgaben. Auf eine durchgängige, wiedererkennbare und von daher begrenzte Formensprache lässt sich das Werk Portzamparcs nicht reduzieren.

Man durfte also gespannt sein, was der Gewinner des Berliner Wettbewerbs von 1996 / 97 vorschlagen würde, nachdem die von Frankreich ins Gespräch gebrachte Rekonstruktion des wenige Tage vor Kriegsende 1945 zerstörten historischen Botschaftsgebäudes von der Berliner Bauverwaltung abgelehnt worden war. Stattdessen galt es, die seinerzeit heftig diskutierten und befehdeten Gestaltungsvorgaben für den Pariser Platz – insbesondere hinsichtlich der steinernen Fassade – zu erfüllen. In die engere Auswahl des Wettbewerbs gelangten unter anderem die „großen Drei“ der Pariser Architektenschaft, und es ist erhellend, aus den Erläuterungen zu ihren Entwürfen zu zitieren. Dominique Perrault beklagte „eine seltsame Einstellung: sich an Regeln zu halten, wenn es darum geht, eine Stadt zu schaffen, die unsere eigene sein soll . . .“ Jean Nouvel konstatierte, „aufgrund der strengen städtebaulichen Vorgaben ist der Handlungsspielraum begrenzt.“ Es waren dies beispielhaft die Klagen, die von allen Architekten erhoben wurden. Christian de Portzamparc hingegen hatte erkannt, es gelte, „einen Beitrag zum Wiederaufbau eines Zentrums der städtischen Kultur Europas zu leisten, mit unserer Epoche der Geschichte zu antworten, mit der Fassade der Botschaft dazu beizutragen, dass dieser große Platz, der Teil des Mythos der Stadt ist, ein neues Aussehen erhält.“

Kurz gesagt: Es verwundert nicht, dass Portzamparcs Entwurf den Sieg davontrug. Vergleicht man die Skizzen und Modelle der Konkurrenten, so wird deutlich, dass es sein Entwurf war, der die Anforderungen der Geschichte – wie zerstört sie am Pariser Platz auch sein mochte – und der Gegenwart – wie wenig sich diese auch verbindlich definieren lässt – am überzeugendsten auszugleichen vermochte. Seit Monaten nun ist das gebaute Ergebnis am Pariser Platz zu besichtigen.

Portzamparc macht es dem Betrachter durchaus nicht einfach. Der „Auftritt“ der Botschaft, die Fassade zum Platz hin, ist kraftvoll, eigenwillig, auf den ersten Blick vielleicht sogar störrisch. Da hat sich einer an die Regeln gehalten – und ihnen gleichwohl seine eigene Handschrift aufgeprägt. Über einem mächtigen rustizierten Sockelgeschoss erhebt sich eine glatte Fassade mit eigentümlich eingeschnittenen Laibungen, die riesige Fenster fassen – die sich, erst auf den zweiten Blick zu erkennen, gleich zwei Geschosse teilen – und darüber zunächst ein durchlaufendes Fensterband und sodann ein Attikageschoss.

Eine dreigliedrige Fassade nach klassischem Reglement – die wies das zerstörte Palais des Hôtel de France auf; nur dass es ein piano nobile besaß, wo der Neubau insgesamt drei Stockwerke zählt und darüber nochmals zwei. Natürlich, der Platzbedarf ist erheblich größer als früher, und an die Stelle der so oft geschilderten Festsäle, die die französische Botschaft einst auszeichneten, treten heute Büros und nochmals Büros. 250 Mitarbeiter sind unterzubringen, dazu zahlreiche Besprechungsräume, überhaupt die ganze Infrastruktur einer Verwaltung. Aber davon verrät die Repräsentationsfassade am Pariser Platz so wenig wie möglich, und es trägt zum Charakter des Hauses bei, dass es eben nicht als ein beliebiges Bürogebäude in Erscheinung tritt, wie sie leider auch am Pariser Platz, allen Gestaltungsvorschriften zum Trotz, dominieren, sondern als ein Palais in dessen zeitgemäßer Ausformung.

Das ist bei der Nebenfassade in der Wilhelmstraße ganz anders – und aus gutem Grund. Die merkwürdige Grundstücksfigur, die im Grunde zwei aneinander grenzende Grundstücke zu einem vereint, ohne eine harmonische Einheit zu bilden, bringt zwei räumlich vollständig voneinander getrennte Fassaden mit sich. An der Wilhelmstraße fügt sich die Bebauung in die angrenzenden Gebäude ein, stößt rechts an den Komplex des Jakob-Kaiser-Hauses des Bundestages, mithin einen Bürobau. Die Wilhelmstraße ist hier vergleichsweise schmal, entbehrt jeglicher Bäume, ist unauffällig und gewiss keine Straße zum Flanieren. Der Architekt hat hier eine Bürofassade hingestellt, symmetrisch durch die Eingangszone und die Fensterbänder vor den fünf Vollgeschossen gegliedert, aber ansonsten ohne jede Extravaganz. Hier ist, wenn man denn überhaupt weiß, dass es sich um einen Teil der Botschaft handelt, das Konsulat untergebracht, hier ist alltäglicher Publikumsverkehr möglich und erwünscht.

Zwei Teile, eine Einheit

Wie nun die Verbindung der beiden von so verschiedenartigen Fassaden dargestellten Gebäudeteile funktioniert, ist das Geheimnis des Inneren. Der konzeptionell so ansprechende Gedanke einer passagenartigen Verbindung des ganzen Baukomplexes bleibt eine Idee, schön auf den gezeichneten Grundrissen anzuschauen, aber in der Wirklichkeit des in verschiedene Hierarchie-Ebenen gegliederten Mikrokosmos’ einer Botschaft nicht praktikabel.

Was bleibt, ist die Zusammenfügung unterschiedlicher Gebäudeteile zu einem vielfältigen Ganzen. Dies macht Charme und Charakter des Gesamtentwurfs aus. Christian de Portzamparc soll, so heißt es, von der ersten Besichtigung des Bauplatzes ernüchtert gewesen sein: Brandwände ringsum, ein „gefangenes“ Grundstück, dessen offene Flanke zum Pariser Platz hin naturgemäß am wuchtigsten verschlossen werden musste.

Wie aber mit den geforderten Baumassen umgehen, mit der erforderlichen Belichtung und Belüftung? Der Architekt fügt zwei getrennte Höfe ein, den einen, dem Verwaltungstrakt zur Wilhelmstraße hin zugeordnet, durch einen schräg eingestellten und weiß vergitterten Kubus akzentuiert, den anderen aber um fünf Meter angehoben und als Garten angelegt. Ein Garten auf der Höhe der Empfangssäle im ersten Obergeschoss! Damit ist die Gefahr, sich eingeschlossen zu fühlen, gemildert. Die Brandwand des Jakob-Kaiser-Hauses aber säumt ein 130 Meter langer „Viadukt“, ein schmaler Trakt mit senkrechten Fensterbändern, der wiederum eine „Allee“ von Birken trägt – auf dem Dach in 13 Metern Höhe.

Neben der Vielfalt der Bauteile und ihrer Durchgestaltung ist es dieser beständige Wechsel der Ebenen, der den Entwurf Portzamparcs so heraushebt. Im Inneren der verschiedenen Trakte entspricht dem eine verwirrende Vielzahl von Fluren, Foyers und Treppenhäusern, von Fenstern und Ausblicken, die den Eindruck einer eigenen, kleinen Stadt suggerieren. Aus den Fenstern der durchweg von Tageslicht erhellten Räume schaut man auf einen verglasten Bürotrakt, dort auf einen Turm mit Sitzungszimmern; hier auf eine vorgewölbte Fassade mit waagerechten Fensterbändern und auf der anderen Seite ein gleichermaßen gewölbtes, doch mit senkrechten Lichtlamellen versehenes Gegenüber. Das Scharnier der Bauteile bildet der „zentrale Pavillon“ mit den Sitzungssälen; räumlich, weil in der Mitte des Areals angeordnet, und funktional, weil er sowohl vom Konsulat als auch von der Kanzlei als das Herzstück eines Botschaftsbetriebs aus benutzt werden kann.

Ebenso vielfältig sind die Modulationen des Materials. Portzamparc verwendet Beton, was sonst, aber er tapeziert ihn nicht mit dünn geschnittenem Naturstein. Stattdessen hat er ihn für den Rustikasockel am Pariser Platz kräftig, im Gebäudeinneren etwas feiner mit Sand und Kieseln mischen lassen, einmal um die geforderte Farbe und „Materialität“ des Pariser Platzes aufzunehmen, zum anderen, um im Inneren durch den lageweisen Wechsel von polierten und gerauten Streifen Bewegung in die Wandflächen zu bringen. Daneben gibt es verputzte Wände, etliche gar in aufwändigem stucco lustro. Und da kommt dann auch Farbe ins Spiel, ein eigentümliches Braun, tiefes Rot, sogar Gold: umso auffälliger, als ansonsten die gedämpfte Skala von Sandfarben bis Betongrau vorherrscht.

Die über eine Abfolge von Treppenabsätzen und regelrechten Terrassen zu erreichenden Repräsentationsräume wie auch die in der Attika untergebrachten privaten Appartements hat Elizabeth de Portzamparc, die Frau des Architekten, eingerichtet. Ein Hauch von Art Déco ist zu spüren, eine unterkühlte Eleganz; nicht schwelgerisch, sondern für den Kennerblick. Von der Residenz des Botschafters aus öffnet sich ein genau berechneter Blick auf das Brandenburger Tor – und künftig auf die angrenzende Botschaft der Vereinigten Staaten, als wollte der Architekt die politische Symbolik unterstreichen, die aus dem Berliner Gegenüber von Frankreich und den USA gelesen werden mag.

Wieder auf dem Pariser Platz, tritt dem Betrachter die Ausrichtung des Gebäudes auf das Brandenburger Tor nochmals vor Augen. Die auf der linken Seite angeschrägten Laibungen der doppelgeschossigen, unregelmäßig versetzten Fenster weisen auf das Tor und die nachmittägliche Sonne im Westen.

Mit dem Neubau der französischen Botschaft erhält der Pariser Platz ein Gebäude von erkennbarem Rang. Und er erhält ein Stück seines nostalgisch beschworenen Charakters als „Salon“ Berlins zurück. Hier ist ein Bauwerk, das seine besondere Aufgabe betont – von einem Architekten, der nicht allein seine souveräne Beherrschung der Architekturgeschichte und ihrer Formensprache unter Beweis stellt, sondern auch seine Verantwortung für die Mitte Berlins.

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