Zeitung Heute : Kranke an die Kassen

Der erste Tag der Praxisgebühr

Constance Frey

Das viele Geld macht ihr Sorgen. Vor allem zu Quartalsbeginn wird es sich ansammeln. „Überfälle fürchten wir eigentlich alle“, sagt sie.

Anne von Törne ist Arzthelferin bei Doktor Wolfgang Kreischer, einem Allgemeinmediziner in Berlin-Zehlendorf. Es ist der 2.Januar 2004, der erste Tag der Praxisgebühr, und im Empfangsraum hinter Frau von Törne auf dem Fensterbrett steht eine Registrierkasse. Nicht die neueste, in beige, der Schlüssel dafür steckt unten links.

Es ist kalt draußen auf der Clayallee, die meisten Patienten kommen mit roten Nasen, und die meisten haben die zehn Euro passend dabei. Beim Eintreten in die Praxis, auf dem Flur zwischen Labor und Wartezimmer, haben sie alle auf ein mannshohes Schild geschaut. „Praxisgebühren“ steht in großen Buchstaben darauf. Es gibt auch ein Kassenbuch, noch fast unbeschrieben. Es liegt vor Anne von Törne auf dem Tisch. Auch extra angeschafft, sagt sie. Neben jedem Namen ist fein säuberlich die gleiche Zahl notiert – zehn Euro. Und weil so viele Patienten die Gebühren passend mitgebracht haben, könnte Anne von Törne auch schon auf einen 100-Euro-Schein herausgeben.

Im Wartezimmer mit den roten Polsterstühlen helfen sich Claus und Hildegard Buder in ihre Wintermäntel. Die beiden Rentner haben ihre Behandlung hinter sich. Machte 20Euro. „Angenehm ist das nicht, aber was bleibt einem übrig?“, sagt Herr Buder. „Für die Ärzte ist das eine Mehrbelastung“, sagt Frau Buder.

Wolfgang Kreischer, der Arzt, sagt: „Heute morgen war ein HIV-positiver Patient hier, der dringend seine Medikamente braucht. Bisher wurden die vom Sozialamt bezahlt, nach der Reform müsste das die AOK machen. Die hat ihm aber keine Versicherungskarte geschickt. Also konnte ich ihm nichts verschreiben.“ Also den Mann zurück zu seiner Kasse schicken, die sitzt in diesem Fall glücklicherweise im selben Haus.

Wolfgang Kreischer redet weiter. „Pflegefälle, die bisher ihre Rezepte einfach nach Hause geschickt bekamen, zahlen jetzt auch die zehn Euro.“ Sie müssen das Geld entweder schicken, oder ein Nachbar bringt es vorbei. Auch eine Art Mehrbelastung. Kreischer streicht sich über den Stoppelbart. Das Telefon klingelt, er muss rangehen, ein privat Versicherter, der wissen möchte, ob seinem alten Vater die zehn Euro erstattet werden. Das ginge schon, aber wie die Sozialhilfeempfänger müssen die Privatpatienten die Praxisgebühr vorstrecken. Einem Patienten, der am Morgen kein Geld hatte, gab Kreischer eine Woche Zeit, bis die Sozialhilfe kommt. Er hat einen Computerbildschirm auf seinem Schreibtisch, die gelbe Schrift in den Behandlungstabellen verrät, wer die zehn Euro an diesem Tag nicht dabei hatte.

Wolfgang Kreischer sitzt in seinem Behandlungszimmer am Schreibtisch, hinter ihm an der Wand fünf Quadratmeter Fachliteratur. Der Allgemeinmediziner ist auch der Chef des Berliner Hausärzteverbandes, und deshalb ärgert ihn eine der Neuerungen besonders – die Sache mit den Überweisungen. Bisher durften nur Allgemeinmediziner wie er die Patienten an Fachärzte überweisen. Das geht nun auch andersrum. Den Allgemeinärzten, die die Patientenakten bisher führten, geht damit der Überblick verloren, wo ihre Patienten schon untersucht worden sind.

Ob Patienten wohl Gefahr laufen, die Quittung über zehn Euro beim nächsten Arztbesuch zu vergessen? „Das glaube ich nicht“, sagt der Arzt, „Die Leute vergessen ja auch ihre BVG-Karte oder ihre EC-Karte nicht zu Hause. Und die Quittung ist jetzt eben genauso wichtig.“ Aber wegen Bagatellerkrankungen werden die Patienten nicht mehr kommen, sagt Kreischer. „Da wird viel verschleppt werden.“

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