Krankenkassen : Welche Konsequenzen hat die Fusion?

Barmer und Gmünder Ersatzkasse wollen sich zur größten Krankenkasse Deutschlands zusammenschließen. Was ist der Grund dafür, und welche Konsequenzen hat die Fusion für deren Mitglieder?

Rainer Woratschka

Es ist nicht nur irgendeine Elefantenhochzeit – es ist die bislang größte Krankenkassenfusion der Geschichte. Die Barmer, zuständig für 6,9 Millionen gesetzlich Versicherte, schließt sich mit der 1,7 Millionen Kunden umfassenden Gmünder Ersatzkasse (GEK) zusammen. Stimmt der Barmer-Verwaltungsrat am Freitag zu und macht das Bundesversicherungsamt keine Probleme, entsteht die größte Krankenkasse Deutschlands. Sie wird dann, falls es nicht noch entgegen allen Zusagen zu Entlassungen kommt, 19 500 Mitarbeiter und 1200 Geschäftsstellen haben – und verweist die vor kurzem erst mit der IKK Direkt fusionierte Techniker-Krankenkasse mit ihren mehr als sieben Millionen Versicherten wieder auf Platz zwei. Der AOK-Verband kommt zwar auf 24 Millionen Versicherte, zählt aber im Größenvergleich nicht wirklich. Schließlich firmieren die Ortskrankenkassen der meisten Bundesländer trotz zunehmender Annäherung immer noch als rechtlich voneinander unabhängig.

Die Fusion sei gut für die gesamte gesetzliche Krankenversicherung, beeilt sich Barmer-Chef Johannes Vöcking zu versichern. Grundsätzlich ist das richtig. Eine zersplitterte Kassenlandschaft erleichtert es Ärzten, Klinikbetreibern und Pharmafirmen, die Akteure gegeneinander auszuspielen. Starke Kassen dagegen haben mehr Verhandlungsmacht – bei Arzneirabatten ebenso wie bei Bedingungen und Vergütung medizinischer Leistung. Hinzu kommen Ersparnisse durch den Abbau unnötig gewordener Verwaltungszentren und Vorstandsposten.

Ein Signal hat die künftige Barmer-GEK bereits ausgesandt. Der Tanker werde 2010 ohne die gefürchteten Zusatzbeiträge starten. Ohne Fusion wäre dies wohl anders gewesen. Zumindest die GEK kam, wie ihr Chef Rolf-Ulrich Schlenker zugibt, mit dem zugewiesenen Geld aus dem Gesundheitsfonds kaum noch aus. Die Angst, sich mit Zusatzbeiträgen aus dem Wettbewerb zu kicken, hat sie letztlich in die Arme der Barmer getrieben.

Der Grund für die Schwäche klingt widersinnig. GEK-Versicherte verdienen überdurchschnittlich und sind überdurchschnittlich gesund. Was vor dem Fonds Wettbewerbsvorteil war, ist nun Belastung. Weil die Politik Kassen mit schlechterer Struktur helfen wollte, erfand sie den krankheitsbezogenen Finanzausgleich. Je mehr Kranke eine Kasse hat, desto mehr erhält sie aus dem gemeinsamen Topf. Und desto besser steht sie da.

Kleine Betriebskrankenkassen haben plötzlich kaum noch etwas von ihren gesunden Gutverdienern. Fast 80 Kassen mit weniger als 100 000 Mitgliedern gibt es noch – auf längere Sicht haben sie kaum eine Überlebenschance. Aber auch die größeren geraten durch die Fusionen der anderen unter Druck. Und wenn 2010 auf breiter Front Zusatzbeiträge erhoben werden, wird sich die Bereitschaft zu Zusammenschlüssen weiter erhöhen. Geplant ist bereits die Fusion der AOKen Brandenburg und Berlin, der AOKen Rheinland- Hamburg und Westfalen-Lippe sowie der DAK mit der Hamburg-Münchener.

1991 gab es noch mehr als 1200 Kassen, in den vergangenen zwei Jahren sank ihre Zahl von 240 auf 186. Politiker freuen sich über diese Entwicklung. 30 bis 50 reichten allemal, findet Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD). Das Dumme ist nur: Die Interessen der Beitragszahler sind nicht automatisch die der Patienten. Zwar profitieren auch Kranke von erweiterten Filialnetzen und besserer Kassenbetreuung. Mit Macht heruntergehandelte Krankenhäuser und Mediziner fühlen sich womöglich aber auch gezwungen, an Dienstleistung und Qualität zu sparen. Und auf dem von Innovation lebenden Arzneisektor könnten sich allzu starke Kassen ebenfalls als Bremser erweisen.

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