Zeitung Heute : Krankenschwester Uschi seufzt

Michael Burucker

Das ZDF knallbunt - Die ARD unübersichtlichMichael Burucker

Eigentlich hat man es schon immer vermutet: Eines Tages wird das ZDF von einem privaten Prinzen geküsst werden. Dass aus der kühnen Vision klammheimlich Wirklichkeit wurde, diesem Eindruck musste erliegen, wer ohne Vorwarnung zum ersten Mal in den neuen Videotext des ZDF geriet. Aus dem vormals gemeinsamen, öffentlich-rechtlichen Textangebot, das in seinem strengen Design und dem unbeirrten Verlautbarungston die Fortsetzung der "Tagesschau" mit anderen Mitteln war, ist auf den ZDF-Seiten über Nacht eine knallbunte Wundertüte für Schnäppchenjäger, Glücksspielritter und Kreditsuchende entstanden.

"Wie Haare wieder wachsen" schlagzeilt die ZDF-Leitseite und empfiehlt "gegen Glatzenbildung" wärmstens die garantiert sichere "Moser-Methode" nebst einer zu bestellenden Broschüre. Auch Maga Zaira, die "Live-Hellseherin", lockt mit Blinkbuchstaben in allen Regenbogenfarben, um uns für nur 2 Mark 42 pro Minute ihrer "telepathischen Fähigkeiten" per Telefon zu versichern. Dort, wo wir sonst auf die nüchternen Schlagzeilen des Tages stießen, wollen mit einem Mal "Champagner-Wochenenden" gewonnen und "persönliche Horoskope" abgerufen werden. Wer auf den gewohnten Index-Seiten nach handfesteren Meldungen sucht, gerät in eine "In und Out"-Liste, die durchaus Informatives bereithält und den Menschen auf der Suche nach verwertbaren Informationen unverhofft ins Grübeln bringt: Keine Frage, Warnungen vor "Seersucker Bettwäsche" (out) und Empfehlungen "kalt zu duschen" (in) sind zu bedenken. Aber wir wollen nicht ungerecht sein. Dass Spice-Girl Geri "oben viel zu wenig" hat, was Sharon Stone "drunter" trägt und unter welcher Nummer "Uschi, die Krankenschwester", seufzt, erfährt man noch ausschließlich in den Texten von Pro 7, RTL & Co.

Als festere Burg gegenüber dieser Art von Erbauung erweist sich die ARD. Hier finden weder Glatzenheiler noch Wahrsagerinnen ein lauschiges Plätzchen. Doch ach, war der Text zuvor eine flinke Alternative zur gedruckten wie gesendeten Informationsflut, ist alle Übersicht nun hin. Ob aus Ehrgeiz oder aus einem Minderwertigkeitsgefühl heraus, will der Videotext plötzlich alles in einem, "Tagesthemen", Tageszeitung und Wochenmagazin spielen.

Wo noch eben Kompaktes vom Gipfeltreffen über das Frankfurter Parkett bis zu Schumis Spoiler bequem alles im Überblick angezeigt und in Nullkommanix angewählt werden konnte, quälen nun Rubriken und Unterrubriken unser Kurzzeitgedächtnis. Zurück zur "Kultur" oder bei "Gesellschaft" weitersuchen? Die üppige Auswahl produziert das Internet-Syndrom: Während man immer verzweifelter die Antwort sucht, ist man längst der Frage müde.

Vielleicht deshalb hat das ZDF seine Meldungen gleich dreifach gesichert. Nach einer wohl nur den Gestaltern zugänglichen Logik findet man Nachrichten, wie die zum Ermittlungsverfahren gegen Kohl, gleich dreimal unter den Rubriken "Top aktuell", "Schlagzeilen" und "Politik". Im Wald der vielen Rubriken aber verschwinden die Bäume der Meldungen. Gleichwohl wurde manch stämmiges Pflänzchen abgeholzt. Die unparteiische Medienseite als unbequemer Spiegel ist im ZDF, nicht jedoch bei der ARD, verschwunden. Das ZDF wartet dafür auf seiner "ZDF-Intern" Seite mit der Schlagzeile des Jahres auf: "1999 bestätigt ZDF-Programmstärken". Wie viele heiratswillige Prinzen mag bei soviel Verlockung wohl Maga Zaira da in ihrer Kugel sehen?

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