Zeitung Heute : „Krankhafte Suche nach Selbstfindung“ Horst-Eberhard Richter über sehen und gesehen werden

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HORSTEBERHARD RICHTER (80)

ist Psychoanalytiker und Sozialphilosoph und ein Pionier der Familientherapie. Er war eine Leitfigur der Friedensbewegung.

Foto: dpa

Herr Richter, was treibt Menschen dazu, sich öffentlich zu erniedrigen?

Sie erwarten sich offenbar eine Entschädigung für diese Demütigungen, indem sie Aufsehen erregen, bekannt werden, im Fernsehen sichtbar werden. Das Problem sehe ich von zwei Seiten: Da gibt es diejenigen, die sich exponieren, und die Schaulust von denen, die das angaffen. Das eine geht nicht ohne das andere. Dies trifft auch auf die jüngst veröffentlichten Autobiografien von gewissen Leuten zu: Viele Leser empfinden sie als scheußlich und schamlos, aber zugleich sind sie fasziniert und machen diese Bücher durch ihren Voyeurismus zu Bestsellern.

Was für eine Gesellschaft ist das?

Wir haben offenbar einen gesellschaftlichen Zustand, wo das sich Delektieren am Morbiden, am Ekelhaften in Mode gekommen ist. Das erinnert ein bisschen an die Zustände im alten Rom. Es ist eine Zerstreuungskultur, in der wir jetzt leben, in der die Flucht in die hedonistische Oberflächlichkeit ablenkt von der Depression, dem Pessimismus und den Zukunftsängsten, die laut neuen Umfragen in unserem Land eine große Rolle spielen. Ein innerer Zustand der Unfrohheit vermehrt die Suche nach Ausflucht in Vergnügungen, die dann durch extreme Reize immer mehr in die Perversion geraten.

Würden Sie da auch Extremsport einordnen?

Auch da zeigt sich eine krampfhafte Suche nach Selbstfindung. Da heißt es dann immer so schön, man brauche Grenzerlebnisse, um überhaupt zu wissen, wer man ist. In Wirklichkeit wäre das ja mehr eine Frage der Selbstreflexion.

Was hat das für Auswirkungen auf die Psyche eines Menschen?

Es gibt da kuriose Extremfälle, die wir in unserem Beruf sehen, dass sich zum Beispiel jemand nur noch präsent fühlt, wenn er sichtbar ist. In Abwandlung von Descartes: Man sieht mich im Fernsehen, also bin ich. Und wer erst einmal in eine Abhängigkeit vom Sich-sichtbar-machen gekommen ist, für den wird das dann suchtartig. Der opfert dann auch seine Integrität und Würde.

Welche Werte bleiben auf der Strecke?

Diskretion, Scham, Selbstachtung und Respekt vor der Intimsphäre anderer Menschen.

Wenn diese Entwicklung so weitergeht, wohin treibt die Gesellschaft?

Als Psychoanalytiker würde ich immer vorsichtig sein mit Verallgemeinerungen. Was diese exhibitionistisch-voyeuristische Kultur der Hemmungslosigkeit angeht, diese Oberflächenkultur, da kann man nun nicht sagen, das sei die ganze Gesellschaft. Obwohl man in dieser Mediengesellschaft von Kindheit an hineinwächst in diese Haltung: Es existiert nur, was im Fernsehen zu sehen ist. Wer nicht dort zu sehen ist, der bleibt im Dunkeln, der ist gar nicht richtig da. Aber es gibt auch das andere: Sie sehen gerade im Bereich der Psychoanalyse, dass der Andrang zu unseren Angeboten zunimmt. Viele Menschen wollen sich selbst finden, wollen sich aussprechen, wollen Hilfe beim Nachdenken über sich selbst. Da gibt es eine Gegenbewegung, das wächst auch.

Das Gespräch führte Sebastian Berger.

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