KRAUT-POPStation 17 : Ein Kissen namens Nadine

Jörg W,er

Als Station 17 vor 20 Jahren ans Licht der Öffentlichkeit traten, mussten sie erst mal gegen eine Menge Vorurteile anspielen. Behinderte Bewohner einer Einrichtung der Evangelischen Stiftung Alsterdorf in Hamburg, die sich unter Mithilfe bekannter und weniger bekannter Musiker an deutschsprachigem Pop versuchen: Abgesehen von einem gewissen Novelty-Effekt versprach sich kaum jemand etwas von dem ungewöhnlichen Projekt.

Auf jeglichen Mitleidsbonus konnten die vor Tatendrang berstenden Amateure allerdings gut verzichten. Mit ihrem an die offenen Songstrukturen von Krautrock-Ikonen wie Can oder Neu! erinnernden Musik-Text-Collagen kreierten Station 17 einen ganz eigenen, verquer groovenden Sound, der in einer von wenig originellen Crossover- oder Grunge-Adepten geprägten Deutschpop-Szene durchaus visionär wirkte. Dabei erwiesen sich einige der gehandicapten Akteure auf Anhieb als wahre Naturtalente, die den assistierenden Studio- Profis schon mal zeigten, wo die Bassdrum steht. Im Laufe der Jahre veränderte sich die Besetzung von Station 17 zwar des Öfteren, der von Routiniers wie Holger Czukay, FM Einheit oder DJ Koze liebevoll kanalisierten Kreativität tat dies aber keinen Abbruch. Die von verblüffender Poesie durchwucherten Texte grenzwandeln oft anrührend zwischen Tragik und Komik: So besingt Dennis Seidel zärtlich „Nadine, du bist meine beste Freundin, du bist immer bei mir“ und meint damit – sein Kopfkissen. Zum Bandjubiläum macht sich ein munterer Haufen von routinierten und heißspornigen Station-17-Bewohnern auf den Weg. Außerdem wird die filmische Dokumentation „Station 17: Neu“ von Eike Swoboda gezeigt. Jörg Wunder

Volksbühne, Fr 8.1., 21 Uhr, 18 €, erm. 14 €

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