Zeitung Heute : Kreativität ist nicht das Problem

MAREN PETERS

Visionen für die Entwicklung des Multimediastandortes Berlin gibt es viele - doch wie sieht es mit den realen Perspektiven aus, die neue Netzanbieter, Internet-Designer, Hard- und Softwareentwickler an der Spree erwarten? Der Multimediastandort Berlin und die Anforderungen an seine Substandorte standen im Mittelpunkt eines Workshops am Montagabend, an dem neben Wirtschaftssenator Wolfgang Branoner Berliner Vertreter der Multimedia-Branche teilnahmen.Der Veranstaltungsort, das Internationale Design Zentrum Berlin in der Kreuzberger Oberbaum City, ist selbst ein solcher Substandort, in dem unterschiedlichste kreative Potentiale zusammengefaßt werden - mit dem Ziel, einen branchenübergreifenden Austausch zu ermöglichen, die Synergien also sinnvoll zu nutzen.

"Die Infrastruktur Berlins ist für den Ausbau eines Multimediastandortes geradezu ideal", schwärmte Wirtschaftssenator Branoner.Schon jetzt erwirtschafteten die rund 7000 Berliner Unternehmen mit Informations- und Kommunikationstechnologien einen Umsatz von rund 20 Milliarden Mark.Die Stadt verfüge über 62 000 Kilometer Glasfasernetz, 1,2 Millionen Haushalte seien bereits an das Kabelnetz angeschlossen.Hauptproblem bleibe jedoch das fehlende Angebot an qualifizierten Arbeitskräften in der Informations- und Kommunikationstechnik.Allein in Berlin bestehe bis zum Jahr 2005 ein Potential von rund 30 000 zusätzlichen Stellen, bis 2010 sogar von 85 000 Stellen."Berlin ist auf dem Weg in die Informationsgesellschaft", zeigte sich Branoner sicher.Der Schwerpunkt müsse nun auf die Qualifikation, das human capital, gelegt werden.Erklärtes Ziel sei es, die Stadt zu vernetzen und auch das räumliche Angebot für die Entwicklung eines "Multimedia-Standortes zwischen Ost und West" zu schaffen.

Diese Vernetzung finde nicht mehr nur zwischen PCs statt, sondern umfasse inzwischen die Verknüpfung "x-beliebiger Geräte" miteinander, betonte Claudius Lazzaroni, Geschäftsführer der Berliner im stall GmbH.Lazzaroni forderte abzugehen von einem "Design der Hülle" und stattdessen das "Design der Kommunikationsprozesse" stärker voranzutreiben.

Neben dem Standortfaktor Gebäude und der ÖPNV-Anbindung sei auch eine lebendige Kneipenkultur, Supermarkt und Kantine in der Umgebung eines Multimediastandortes wichtig, betonte Hugo Gensler, Geschäftsführer der Hypo-Real Immobilien- und Projektentwicklungs GmbH.Wie richtig er mit seiner Aussage lag, zeigte sich in der anschließenden Diskussion zum Thema "Standortfaktoren in der Multimediabranche", die Angela Schönberger, Geschäftsführerin des Design Zentrum, moderierte."Wir sind keine Einzelgänger", bekräftigte Thomas Thiessen, Chef der Melle.Pufe Online GmbH in Mitte.Wie Stephan Balzer, Senior Vice President der Gesellschaft für digitale Medien (LAVA), und Thomas Schröter, Chef von acotec (Advanced Communications Technologies), ist auch seine Firma vor allem wegen des lebendigen soziokulturellen Umfeldes nach Mitte gezogen.

Eines kann aber auch das enorme kreative Potential Berlins nicht ersetzen: qualifizierte Mitarbeiter."Wir sind total unterbesetzt", klagte nicht nur LAVA-Mann Balzer."Dank der verpatzen Bildungspolitik der letzten 20 Jahre bleibt uns im Moment nichts anderes übrig, als massiv Leute abzuwerben."

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