Zeitung Heute : Kreuzfahrten: Ausländische Anbieter haben die Nase vorn

Gerd W. Seidemann

Volle Kraft voraus, lautet offenbar das Motto der deutschen Kreuzschifffahrt. Über satte Zuwächse auf hoher See und auf Flüssen konnten sich im vergangenen Jahr Reeder und Veranstalter des hiesigen Kreuzfahrtenmarkts freuen. Dabei sind zwei Entwicklungen herausragend: Sowohl auf den Schiffen, die auf den Weltmeeren kreuzen, als auch bei Flussreisen wird das Publikum jünger, wenn auch nur geringfügig. Gleichzeitig hat sich der durchschnittliche Tagespreis bei beiden Kreuzfahrtarten leicht erhöht, wobei die Reisedauer in beiden Segmenten etwas kürzer geworden ist. Die kürzeren Urlaube zu Wasser haben bei der Hochseekreuzfahrt dazu geführt, dass der Durchschnittsreisepreis gesunken ist, bei Flussurlauben hingegen stieg der Preis pro Reise.

In der jetzt vorgelegten Studie, die vom Seefahrt-Experten Alf Pollack im Auftrag des Deutschen Reisebüro und Reiseveranstalter Verbandes (DRV) erstellt wurde, fanden bei der Hochseekreuzfahrt 13 nationale und 27 internationale Anbieter Berücksichtigung. Exakt 379 485 Passagiere buchten im vergangenen Jahr ihren Urlaub an Bord eines "Musikdampfers" auf hoher See, ein Zuwachs von 14,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dabei brachten die Passagiere den Veranstaltern den Rekordumsatz von 1,46 Milliarden Mark ein, ein Plus von 13,1 Prozent. Augenfällig bei der Entwicklung ist, dass die ausländischen Anbieter auf dem deutschen Markt an Boden gewonnen haben. Sie konnten im vergangenen Jahr 19,8 Prozent mehr Gäste generieren. Die, die ihre Produkte auf den deutschsprachigen Markt zugeschnitten haben, konnten 164 000 Passagiere auf die 22 Schiffe im Angebot locken. Das wiederum bedeutete jedoch einen Zuwachs von lediglich 12,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Zuwächse bei den nationalen Anbietern werden sich vermutlich auch künftig eher mäßig entwickeln, setzen die deutschen Veranstalter doch vornehmlich auf das Hochpreissegment. Internationale Kreuzfahrtunternehmen hingegen finden das Gros ihrer Passagiere im "unteren Preissegment", für Schiffe also, deren Tagesraten zwischen 150 und 350 Mark liegt. Knapp zwei Drittel aller Passagiere des vergangenen Jahres entschieden sich für eine dieser vergleichsweise billigen Schiffsreisen. Für die kommenden Jahre lässt die Art der in Auftrag gegebenen Tonnage erwarten, dass der durchschnittliche Tagesspreis weiter sinkt. Alf Pollack gibt jedoch zu bedenken: "Bei den Jungen ist zwar noch viel Luft drin, doch die Alten sollte man nicht verprellen." Der Seefahrt-Experte warnt die Anbieter von Hochsee- und Flusskreuzfahrten davor, vornehmlich auf die Unter-50-Jährigen und Familien zu setzen. Das Rückgrat der Kreuzschifffahrt bildeten nach wie vor die reiselustigen Älteren mit besser gefüllten Brieftaschen. Das Alter des durchschnittlichen Passagiers einer Hochsee-Kreuzfahrt ist weiter gesunken: Es liegt nun bei 50,9 Jahren und damit 1,7 Jahre unter dem Schnitt von 1999. Eine Folge des internationalen Angebots, das von Gästen genutzt wird, deren Altersdurchschnitt bei 47,7 Jahren liegt.

Angehalten hat auch der Trend zu immer kürzeren Kreuzfahrten. So dauerte die durchschnittliche Hochsee-Kreuzfahrt nur noch 10,1 statt 10,3 Tage. Ebenfalls abwärts geht es mit den Preisen: Die durchschnittliche Hochsee-Fahrt kostete 3848 Mark. Fünf Jahre zuvor waren es - bei allerdings längerer Dauer - noch 4388 Mark. Beliebteste Ziele auf dem Meer waren das Mittelmeer mit 34 Prozent vor der Karibik mit 23 Prozent. Wie Pollak betont, gibt es einen Trend hin zu siebentägigen Kreuzfahrten, die je nach Jahreszeit auf festen Routen im Mittelmeer oder der Karibik stattfinden. Besonders das Angebot US-amerikanischer Veranstalter in der Karibik setze vornehmlich auf die Wochen-Kreuzfahrt. Die Branche sieht nun mit Spannung dem Jahr 2002 entgegen, wenn sich unter anderem durch die Fertigstellung des "Aida"-Schwesterschiffes die Kapazität bei den deutschen Kreuzfahrt-Anbietern um fast 40 Prozent erhöht.

Bei den Fluss-Kreuzfahrten liegt der Zuwachs an Passagieren bei 35 Prozent, was vor allem auf die erstmalige Erfassung der neuerdings wieder sehr beliebten Nil-Kreuzfahrten zurückzuführen ist. Auf dem deutschen Markt wurden 187 270 Passagere "produziert". Der Kreuzfahrtmarkt auf den großen Strömen - vornehmlich in Europa - wird zum großen Teil von den nationalen Anbietern beherrscht. Der weitaus bessere Geschäftsverlauf sei auf das "Ausbleiben so störender Faktoren wie des Kosovo-Krieges, Niedrig- beziehungsweise Hochwasser sowie politscher Instabilität in Russland" zurück zu führen, heißt es in der DRV-Studie.

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