Kreuzweise deutsch : Alles – fast umsonst

Angela Elis

Das Paradies zeichnete sich bekanntlich dadurch aus, dass alles kostenlos war. Geld und insbesondere die D-Mark kamen erst später. In unschuldiger Nacktheit und seliger Ahnungslosigkeit spielte sich das Leben ab. Wobei noch ungeklärt ist, ob diese Unbedarftheit tatsächlich ein Geschenk Gottes war. Bedeutet sie doch, nicht zu wissen, was einem zum Glück noch fehlen könnte. Dazu passt allerdings das Gebot, bloß nicht vom Baum der Erkenntnis zu naschen. Wer dies wollte, flog raus und musste sich künftig jenseits von Eden durchschlagen.

So in etwa soll es auch in der DDR zugegangen sein. Glauben zumindest immer mehr Menschen und behaupten, dort hätten paradiesische Zustände geherrscht. Darunter sogar junge Wessis, die es in der Schule hätten besser lernen können. Der Arbeiter- und Bauernstaat also ein himmlischer Ort mit freier Körperkultur und kollektiver Anspruchslosigkeit, in dem es zwar vieles nicht gab, aber das wenige fast umsonst. Klingt unlogisch, aber so ist das mit Paradiesen nun mal.

Vergessen wird, dieses vermeintliche Paradies hatte seinen Preis und als es damit vorbei war, wurde die Rechnung präsentiert: Das Land bankrott. Die Städte einstürzende Altbauten. Ganz zu schweigen von der Seelen zerstörenden Stasi. Doch weil sich nach der friedlichen Übernahme nahezu alles, was die DDR ausmachte, in Luft aufgelöst hat, kann der Verdrängung nun die Verklärung folgen.

Grenzenlose Dummheit hört nicht automatisch dann auf, wenn Grenzen gefallen sind. Und aus dem Westen sind zwar viele Besserwessis, aber wenig besseres Wissen in den Osten geschwappt. So sind die Deutschen Ost und West bisher vor allem in der Hoffnung vereint, dass es mit dem permanenten „Alles-fast-umsonst- Wohlstand“ einfach so weitergeht. Die Erwartung noch immer: „Kanzler nimm uns an die Hand und führ uns ins Wirtschaftswunderland.“ Der reale Weg ist in der Regel steiniger. Für zusätzliche Jammertäler sorgt die Globalisierung.

Hochkonjunktur im spürbaren Abschwung haben deshalb derzeit aus den Ruinen auferstandene Prediger eines neuen Paradieses. Die Segnungen seien umfassend, verkünden sie, man müsse nur umverteilen. Schon einmal ist den Ostdeutschen von einem Saarländer das Blaue vom Himmel heruntergelogen worden. Der Wiedergänger von Erich Honecker kommt auch aus dem Westen und heißt Oskar Lafontaine. Kostenlos ist der nicht. Und das Leben im linken Paradies hat auch seinen Preis. Doch Oskar sagt, wo’s lang geht und wer eigene Erkenntnis sucht, fliegt raus.

Angela Elis und Michael Jürgs mokieren sich im Wechsel über Ost und West.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben