Kreuzweise deutsch : Die anderen 68er

Michael Jürgs

Die tatsächliche Mauer trennte Ost und West vom 13. August 1961 bis zum 9. November 1989. Eine unsichtbare besteht tatsächlich noch in den Köpfen. Zumindest in denen jener Deutscher, die wissen, was vor 40 Jahren im Sommer 1968 geschah. Sag mir, woran du dich erinnerst und ich sage dir, was du bist – Ossi oder Wessi. Über westdeutsche Studenten, die mit wortmächtigen Parolen und Demonstrationen gegen die herrschenden Zustände und Zuständigen in Universitäten und auf Straßen einen den Mief wegfegenden Sturm entfachten, ist alles erzählt. Es waren zwar Tausende, aber niemals eine ganze Generation, zu der sie sich heute verklären.

68er in diesem Sinne gab es in der DDR nie. Die Diktatur erlaubte keinen Widerspruch, das System duldete Vergangenheitsbewältigung nur bei Taten der Nazis, und die lebten alle im Westen. Die Zonengreise, einst alle im Widerstand gegen Hitler, hielten eine Aufarbeitung der Väterschuld für überflüssig. Die von ihnen abfällig BRD genannte demokratische Republik bestand aus Eichmännern, ihre niemals demokratische aus Thälmännern.

Dass die vom Volk gewählten Regierenden hier, verstört über ihre aufmüpfigen Kinder, auf deren Köpfe einprügelten, ließen ihnen eine freie Presse und die Opposition nicht durchgehen. Meinungsfreiheit gehörte schließlich zu den Grundrechten. Mielkes Stasibanditen aber brauchten öffentliche Proteste nicht zu fürchten, als sie im Sommer 1968 Jugendliche festnahmen, die sich auf Lenin und Brecht berufen oder auf Häuserwände ohnmächtig solidarisch Dubcek gesprüht hatten.

Die vom Prager Frühling inspirierten 68er drüben brauchten für ihren Protest mehr Mut als die Gleichaltrigen hüben. Chiffre 1968 im Osten ist das Symbol für die von sowjetischen Panzern niedergewalzte Freiheitsbewegung in Prag. Ulbricht hätte zu gerne auch die Nationale Volksarmee dabei mitmachen lassen, was Breschnew jedoch untersagte.

Dem gemeinen Volk Ost war egal, was passierte. Der Regisseur Adolf Dresen, später ausgereist in den freien Westen, zog zynische Bilanz in einem Gedicht für seinen Freund Thomas Brasch: „Als die Interventen in Prag einmarschierten / Verteilte Brasch am Prenzlauer Berg Flugblätter: / Wollt ihr euch denn alles gefallen lassen?/ Das Schlimme war nicht, dass sie ihn nach drei Tagen abholten/ Das Schlimme war, dass er nach drei Tagen merkte, ja / Sie wollen sich alles gefallen lassen.“

Michael Jürgs und Angela Elis schreiben im Wechsel über Ost und West.

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