Kreuzweise deutsch : Lebt wohl, Ossis!

Michael Jürgs
Michael Juergs HP Kontur

Diese Kolumne ist in der gedruckten Dokusoap „Kreuzweise deutsch“ die finale aus dem Westen. Nächste Woche, typisch Ossi, wird in dieser Reihe der Osten das letzte Wort haben. Das ist festgeschrieben im Solidarpakt II, demzufolge die von drüben noch bis 2019 frei drauflos reden dürfen, weil sie vierzig Jahre lang bis 1989 schweigen mussten, um nicht von Stasibütteln aufs Maul geschlagen zu werden.

Gute Zeiten? Schlechte Zeiten? Man wird ja mal fragen dürfen. Warum gibt es unter 16 Millionen Ostdeutschen keine Ministrablen, sondern offenbar nur Ministranten, und warum wird ausgerechnet der westdeutsche Bruchpilot Franz Josef Jung als Überflieger gegen die Arbeitslosigkeit eingesetzt statt endlich in einem oberhessischen Hangar eingemottet? Reiner Haseloff dagegen, Wirtschaftsminister in Sachsen-Anhalt, ist kompetent, kreativ, Ossi und außerdem in der CDU. Was will die Kanzlerin eigentlich noch?

Im Vergleich zu Machozwerg Berlusconi und seinen Getreuen geht es uns mit hauseigenen Politikern aber Gold. Sie sind nicht schlechter als das Volk, das sie vertreten. Fröhliche Gewinner, traurige Verlierer, wachsame Träumer, verbohrte Ewiggestrige gibt es im Osten wie im Westen. Während die einen gelernt haben, bereits Vorfreuden zu genießen – nach zwölf Jahren wird der bestellte Trabi geliefert, an jedem Weihnachten gibt’s eine Banane, – haben die anderen stets alle ihre Wünsche spontan am Schwanz gepackt. Wessis verbrauchen deshalb täglich pro Kopf 132 Liter Wasser, Ossis nur 96 Liter.

Es gibt gemeine, aber keine allgemein gültigen Urteile, warum es die Einheit aus den Köpfen nicht in die Herzen geschafft hat. Die Beschwörungen jener Nacht, als alle Deutschen das glücklichste Volk der Welt waren, helfen nur bei Jubiläen wie jetzt noch über alltägliche Verdrießlichkeiten hinweg. Viele Ossis sehnen sich nach dem DDR-typischen Mief, der ihnen einst so stank, dass sie undeutsch mutig eine Revolution wagten und erinnern sich nur noch daran, wie schön warm es war im Mief. Die Skandale im Osten – Korruption, Betrug, Organisierte Kriminalität – gleichen denen im Westen. Da wenigstens ist längst zusammengewachsen, was zusammengehört. Auch im Süden ist Fortschritt auszumachen, da soll es inzwischen Kellner geben, die von ihren bayerischen Dienstherren wie Mitmenschen behandelt werden, obwohl sie sächseln und nach Feierabend ihren Heimatsender MDR einschalten, statt ein gutes Buch zu lesen.

Lebt wohl, Ossis. Wo auch immer.

Michael Jürgs und Angela Elis mokieren sich im Wechsel über Ost und West. Ihre bisher gedruckten Kolumnen sind unter dem Titel „Kreuzweise deutsch“ im Aufbau-Verlag erschienen.

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