Kreuzweise deutsch : Sachsen des Westens

Angela Elis

Bayern des Ostens“ wird Sachsen inzwischen genannt – übrigens nicht zur Freude der dort Ansässigen –, nachdem das Neubundesland beim Pisa-Test gleich in allen drei Kategorien von den Naturwissenschaften über die Mathematik bis zum Textverständnis jeweils den ersten Platz belegt und damit das Altbundesland Bayern von der Spitze verdrängt hat. Des Erfolges Vater wollen gerne viele sein, wobei die scheinbar freundliche Übernahme ganz nebenbei noch suggeriert, dass diese Spitzenplätze allem Möglichem zu verdanken sind, nur nicht der ostdeutsch-sächsischen Leistungsbereitschaft und Stärke. Übernahme und Abwertung – dieser Umgang ist den Ostdeutschen noch aus den Jahren nach 1990 bekannt.

Weitaus souveräner wäre es, würde sich der Freistaat jenseits des Vogtlandes künftig als „Sachsen des Westens“ verkaufen. Zumal beide Bundesländer Gemeinsamkeiten haben: den kräftigen Dialekt, die Liebe zur Volkstümelei und Schunkelpartien mit Blasmusik.

Da Bildungserfolge nie schnell zu erzielen sind, ist erwähnenswert, dass sich Sachsen nach der Wiedervereinigung erfolgreich geweigert hat, das westliche – reformbedürftige – Schulsystem zu übernehmen. Zu schade, dass der ostdeutsche Widerstand in anderen Bereichen wie Wirtschaft und Arbeit gescheitert ist.

Eine Spitzenposition belegen die Ostdeutschen auch im Bereich Fernsehen, nicht nur bei der mitteldeutschen Quotenproduktion. Mehr Ossis als Wessis schauen den TV-Erfolg „Bauer sucht Frau“, und die meisten Zuschauer sind in Thüringen zu finden. Die sehen – durchaus nicht frei von Schadenfreude – einem Landwirt aus dem westlichen Nachbarland Hessen zu, der gerade Pleite gegangen ist und jetzt die Macht des Liebes- statt des Geldverkehrs beschwört. Dabei erinnern sich die Wiedervereinigungsverlierer an die Jahre als auch sie nach dem Zugewinn der D-Mark plötzlich finanziell am Boden lagen und keine berufliche Perspektive mehr hatten. „Marktbereinigung“, haben sie lernen müssen, nennt sich das.

Wir lernen, Ossis sind mutig. Auch wenn sie dabei zur Übertreibung neigen, wie jener Mann aus Rügen, bei dem vor wenigen Tagen 7, 67 Promille beim Pustetest gemessen wurden. Ein Alkoholspiegel, bei dem der Tod, nicht aber die Rente sicher ist. Der Mann hat den Exzess überlebt. Diesen Überlebenswillen aber sollten sich selbst Wessis nicht zum Vorbild nehmen.

Angela Elis und Michael Jürgs mokieren sich im Wechsel über Ost und West.

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