Kreuzweise deutsch : Unmögliches aus dem Osten

Angela Elis

Kairos Nähe zu deutschen Jubiläen wie 20 Jahre Mauerfall oder 60 Jahre Bundesrepublik erscheint zunächst absurd. Aber gemeint ist nicht etwa eine Partnerschaft mit der nahöstlichen Metropole. Kairos kommt aus dem Griechischen und bezeichnet den besonderen Augenblick, der Unmögliches möglich macht.

Der Leipziger Pfarrer Christian Führer, der Wesentliches zum Gelingen der friedlichen Revolution beigetragen hat, erklärte unlängst, der Herbst 1989 sei für ihn solch ein Kairos, der seitdem im Nebel der Erinnerung versank und nicht mehr künstlich erzeugt werden könne. Kein Wunder, dass ein Diener Gottes diesen Kairos nicht nur begriffen, sondern auch ergriffen hat. Ein Wunder allerdings, dass damals selbst bekennende Atheisten wie Günter Schabowski vom Gott der günstigen Gelegenheiten überwältigt wurden. Auf die Frage, ab wann Reisefreiheit herrsche, kam unerwartet: „Sofort, unverzüglich.“ Daraufhin fiel die Mauer. Das scheinbar Unmögliche ereignete sich.

Im Zuge der ost-westdeutschen Vereinigung folgte die Ernüchterung: Entwertung des bisherigen Lebens, Siegerposen des Westsystems und Beurteilung nur noch nach Kosten, Effizienz und Renditetauglichkeit. Inzwischen geben zwei Drittel der Ostdeutschen in einer Studie an, sie wären noch immer nicht im wiedervereinigten Deutschland angekommen.

Derartige Umfragen sind zwar von Stimmungen abhängig, aber sie drücken auch aus, wie sich Menschen fühlen, deren Zeit auf Erden einfach so verrinnt, ohne dass sich ein Kairos beim Schopfe packen ließe. Dennoch haben die Brüder und Schwestern aus dem Osten tapfer durchgehalten in einem Land, in dem bald nichts mehr so wie früher war und vor allem ganz anders, als man es erlernt hatte. Was für eine Anpassungsleistung! Darwin wäre begeistert. Folgerichtig forderte die Bundeskanzlerin, die aus einem theologischen Ost-Haushalt kommend den Kairos kennen dürfte, nun sei der Westen dran.

Da aber die Zeit der Wunschzettel vorbei ist, sind Taten gefragt. Wie wäre es, sich erneut für das scheinbar Unmögliche stark zu machen und eine neue Revolution zu entfachen, eine fürs Miteinander anstatt nur verordneter Zugehörigkeit. Mauern des Alltags könnten fallen, wie Ignoranz und Rücksichtslosigkeit. Gute Gelegenheiten dafür dürfte es im viel beschworenen Krisenjahr öfter geben.

Angela Elis und Michael Jürgs mokieren sich im Wechsel über Ost und West.

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