Zeitung Heute : Kreuzzüge verbieten

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Früher. Was für ein schönes Wort. Früher war der Sonntag der Tag, an dem man ruhte und sich fein herausputzte, um zur Kirche zu gehen und einen guten Eindruck zu machen auf die anderen Kirchgänger. Heute gibt es im Grunde keine einheitlichen Sonntage mehr. Es sind eher freie Tage, die dem Luft holen dienen, und gern auch Mittwoch oder Donnerstag heißen. Mein persönlich feinstes Outfit für solche Gelegenheiten ist ein roter Jogging-Anzug als Kontrast zum professionellen Alltagsschwarz. Die Zahl der Kirchgänger hält sich im Vergleich zu früher in Grenzen, und wenn man sonntags wirklich mal nachguckt, wird man feststellen, dass inzwischen sogar Jeans gestattet sind.

Es scheint also gar nicht mehr darauf anzukommen, was einer an hat, der seine Frömmigkeit unter Beweis stellt oder auch nur praktiziert. Was ein Zeichen dafür sein könnte, dass wir vor einer Ära der Religions-Renaissance stehen. Denn das war in der Geschichte doch immer so: Wo spiritueller Pomp sich besonders heftig nach außen hin entfaltete, herrschte innere Leere, die entweder sehr lustige oder sehr furchtbare Folgen hatte, wie Orgien im Vatikan, Inquisitionen und ähnliches.

An äußeren Symbolen entzündeten sich auch gerne schreckliche Gemetzel. Was der Name „Kreuzzug“ nahe legt. Dass jetzt so heftig gestritten wird über Kopftuch und Kutte, ist eigentlich das deutlichste Zeichen dafür, dass die spirituellen Kräfte dieser Gesellschaft trotz allem ausbaufähig sind. Natürlich hat es auch damit zu tun, dass es in allen Religionen reichlich Macht-Junkies gibt, die Äußerlichkeiten als Opfergaben für ihr gieriges Ego brauchen.

Wer weiß denn wirklich, ob die junge Türkin im Minirock am Nebentisch im Café nicht lieber in die Moschee geht, als ihre tief verschleierte Schwester im Supermarkt. Und wer garantiert, dass der nachdenkliche Typ, der Ihnen in der S-Bahn gegenüber sitzt, nicht ein Mönch ohne Kutte ist, der seine Frömmigkeit keinem beweisen muss, weil er sie lebt?

Sicher gibt es Situationen, in denen äußere Symbole Revolutionsgeist vermitteln können. Die letzte Schlacht des Kalten Krieges haben die letzten Christen der DDR gewonnen. Unter anderem, indem sie deutlich machten, dass die Kultur der DDR genau wie die Westdeutschlands auf den Fundamenten des christlichen Abendlandes ruhte. Von Brandenburg aus schließlich wurde einst Berlin missioniert.

Der garantiert transzendenzfreie Sozialismus in seinem leeren Lauf ist freilich schon lange überstanden. Vielleicht hatten die frommen Pfarrer früher doch Recht, wenn sie predigten, dass Äußerlichkeiten Tand und vom Teufel seien. Vielleicht sollte man Religiosität, egal welcher Ausrichtung, außerhalb von Kultstätten grundsätzlich auf innere Werte begrenzen. Schon, damit sie sich nicht so gemütlich ausruhen kann auf den äußeren Zeichen, die sich ja ohne Ende manipulieren lassen. Ob Karneval, Halloween oder Christopher Street Day, an falschen Nonnen und Mönchen in korrekter Tracht ist eigentlich kein Mangel. Wovon noch etwas mehr da sein könnte, wäre eine Art Besinnung oder gar Stolz auf die Besonderheit unserer Kultur und das Verlangen, sie zu bewahren. Zur Not auch sonntags in der Kirche in Jeans. Besser wäre aber jeden Tag und überall. Und völlig ohne Kleiderordnung.

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