Zeitung Heute : Krieg den Rikschafahrern

GÜNTHER GRACK

"Indian Curry", drei Einakter von Chandrashekhar Phansalkar, als europäische Erstaufführung im Grips-Theater VON GÜNTHER GRACKGrips - ein Exportartikel, auf den Berlin stolz sein kann.Die Stücke, die Volker Ludwig mit seinem Kinder- und Jugendtheater hervorgebracht hat, werden weltweit nachgespielt, besonders gern aber in Indien.Dort, in Bombay, hat man im November 1996 die gute Zusammenarbeit mit einem Festival gefeiert: "Coming to GRIPS with India" bündelte in zehn Tagen zehn Produktionen in fünf Sprachen.Daß die "Linie 1" auch schon durch Kalkutta gebraust ist, mag nicht weiter verwundern; fragt sich allenfalls, wie sich unsere "Wilmersdorfer Witwen" da verwandelt haben.Erstaunlicher schon die Anpassungsfähigkeit von "Mannomann!", "Trummi kaputt" oder "Max und Milli": letztere treten auf dem indischen Subkontinent mittlerweile unter fünf verschiedenen Namen in Erscheinung, sprechen Marathi, Hindi, Bengali und so weiter. Hohe Zeit zu einem Gegenbesuch am Berliner Hansaplatz: "Indian Curry", inszeniert von Thomas Ahrens, mixt drei Einakter zu einem Ragout aus Burleske, Komödie und einem Schuß Sozialkritik.Autor ist der 32jährige Chandrashekhar Phansalkar, ein Mediziner, der in Pune eine Arztpraxis betreibt; seit zwölf Jahren auch als Stückeschreiber erfolgreich, überträgt er seine Werke selbst ins Englische, aus dem sie wiederum Volker Ludwig ins Deutsche transportiert hat.Wie sie wohl im Original wirken mögen? Rajeev Naik, ein Landsmann und Kollege, sagt Phansalkar in einem Programmheftbeitrag nach: "Er benutzt ein gepflegtes Marathi, aber es ist durchsetzt von Dialekt, Slang und literarischen Ausdrücken.Eine ungewöhnliche Mischung ..." Auf dem Weg nach Europa mag da manche Feinheit verlorengegangen sein.Auch mangelt es einem deutschen Publikum an der Kenntnis des indischen Kastenwesens, das für mindestens zwei der drei Einakter von mehr oder minder hintergründiger Bedeutung ist.Was heißt das, wenn da ein Mann von sich behauptet: "Ich bin ein hochrangiger Brahmane"? Muß man das ernst nehmen? Oder darf man darüber lachen? Der sich so vorstellt, ist der komische Held im Auftaktstück "Der Club der blinden Männer": ein Blinder, der die Nähe der Schicksalsgefährten sucht und beim Eintritt ins Vereinslokal prompt anderthalb Meter tief auf die Nase fällt - ein brutaler Initiationsritus, mit dem der Club die Neulinge auf ihre Blindheit hin testet.Der Arme muß sich noch allerhand mehr Frotzeleien und Flunkereien gefallen lassen, bis er schließlich begreift, wozu die schlechten Scherze gut sein sollen: sie erhellen die dunkle Welt der Blindheit mit der Fackel der Phantasie.Mit einem feinen Lächeln zeigt René Schubert am Ende an, daß Christian Giese, Herman Vinck und Rüdiger Wandel, einer breiter grinsend als der andere, ihn für ihren Club gewonnen haben. Beim nächsten Streich, "Gleichschenkliges Dreieck", spielt Giese einen gewissen Appa, Schubert einen gewissen Bappa: sie rivalisieren um die Gunst der koketten Sulabha, hübsch verkörpert von Dagmar Sitte mit einem dunklen Punkt auf der Stirn und einem bunten Gewand um den schlanken Leib.Appa protzt mit Muskel-, Bappa mit Geisteskraft - wer taugt besser dazu, Sulabha ihren größten Wunsch zu erfüllen, den sie, nach manch vergeblichem Versuch, finster blickend wie eine Drohung über die schmalen Lippen bringt: "Ich will Mutter sein!" Die Pointe dieses gefälligen Stückchens ist natürlich, daß die Dame die Avancen ihrer Kavaliere genießt und bis zuletzt darüber schweigt, wer ihr den Herzenswunsch endlich erfüllt hat: "Beide sind sehr stolz auf ihren Sohn." Gespielt mit Anmut weiblicherseits, mit dem Mut zur Selbstironie männlicherseits, hat dieses Mittelstück des Abends den Export nach Berlin am besten überstanden, unversehrt. "Der Rikschafahrer" bleibt uns dagegen recht fremd (trotz jener Dienstleister, die in Berlins City neuerdings in die Pedale treten).René Schubert und Dagmar Sitte erscheinen hier als junges Ehepaar, übrigens diesmal nicht nach indischer, sondern nach europäischer Mode gekleidet (Kostüme: Maria Roers): Ramesh und Manju ziehen mit ihren sieben Sachen in ihre erste eigene Wohnung ein - da dreht man jede Rupie um, ehe man sie ausgibt.Verlangt der Rikschafahrer, der ihnen beim Transport hilft, etwa mehr, als ihm laut Taxameter zusteht? Ein Verdacht, der Ramesh in steigende Erregung versetzt; während seine Frau ihn verwirrt fragt, mit wem er eigentlich rede, kämpft Ramesh mit einem Widersacher, der ihm maßlos frech, schier unglaublich frech entgegentritt.Ein Chauffeur, der seinen Kunden in einer Weise provoziert, daß Ramesh nur noch stammeln kann: seit Urgroßvaters Zeiten liegen "wir, die goldenen Kahs", in einem Krieg mit den Rikschafahrern.Seine Rede gipfelt, nach fatalem Vorbild, in der zynischen Willensbekundung: "Ich mache diese Erde rikschafrei." Das indische Kastensystem als Relikt und Reflex faschistischen Denkens? Nun, diese These des Autors mag deutscherseits undiskutiert bleiben, hier sind die Inder selbst gefordert.Das Publikum der Berliner Grips-Premiere verfolgte den Kampf im Dickicht der Städte aus höflicher Distanz; Anteilnahme, ja Erleichterung kamen erst auf, als gegen Ende deutlich wird, daß René Schuberts Ramesh es mit einem Hirngespinst zu tun hat: da erweist sich nämlich Rüdiger Wandel, abrupt in die Rolle eines realen Rikschafahrers wechselnd, als absolut korrekt.Friede, Freude, Beifallswogen für alle Beteiligten, nicht zuletzt das Musiker-Trio, das die Trilogie mit jazzigen Ragas kräftig würzt. Wieder am 19.April sowie am 7., 8.und 9.Mai, jeweils 20 Uhr.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben