Zeitung Heute : Krieg der Nerven

Wie amerikanische Soldaten den chemischen Ernstfall trainieren

Jonathan Tucker

Die „Chemical School“ der US Army in Fort Leonhard Wood am Fuß der Ozark Mountains im südlichen Zentrum von Missouri bildet jedes Jahr Tausende von Soldaten, Seeleuten und Marines in der Kunst und Wissenschaft der Verteidigung gegen chemische Kriegsführung aus. Die Lehrgangsteilnehmer lernen verschiedene Arten von chemischen Kampfstoffen zu unterscheiden, eine Gasmaske innerhalb von Sekunden überzustreifen, Vergiftungsopfer mit Gegengift zu behandeln und Fahrzeuge zu dekontaminieren. Der Höhepunkt des 20-wöchigen Kurses ist eine Ernstfallübung. Eine Teilnehmergruppe in Ganzkörperschutzanzügen und Gasmasken löst Aufgaben in einer versiegelten Kammer, die eine tödliche Dosis von Nervenkampfstoffen enthält, die gefährlichste Sorte chemischer Waffen.

Nervenkampfstoffe wie Sarin und VX dienen keinem friedlichen Zweck – sie wurden entwickelt, um Menschen zu töten. Die farblosen, geruchlosen Flüssigkeiten dringen durch Haut oder Lungen in den Körper ein und greifen das Nervensystem an. Erste Symptome von Nervenkampfstoffvergiftung sind eine laufende Nase, übermäßige Speichelproduktion, verengte Pupillen und Kurzatmigkeit, gefolgt von exzessiver Transpiration, Magenkrämpfen und unwillkürlichem Muskelzucken. Schließlich bricht das Opfer zusammen, wird von Krämpfen geschüttelt und verliert das Bewusstsein. Danach lösen eine Hemmung des Atemzentrums im Gehirn und die Lähmung des Atmungsapparates innerhalb einiger Minuten den Erstickungstod aus.

Die Übung mit echten Kampfstoffen findet in einem Gebäude statt, das 27 Millionen Dollar gekostet hat. Im Zentrum des Gebäudes befindet sich eine „Heiße Zone“, ein Sicherheitsbereich, der in acht Abteile unterteilt ist. Dort finden die Übungen mit den tödlichen Chemikalien statt. Ein starkes Lüftungssystem stellt Unterdruck her, damit im Fall einer Verseuchung keine Kampfstoffdämpfe nach außen gelangen.

Vor der Ernstfallübung am Ende des Grundkurses geben die Lehrgangsteilnehmer eine Blutprobe zur Messung ihres Cholinesterasewerts ab, ein Schlüsselenzym, das von Nervengas gezielt angegriffen wird. Jeder bekommt einen Kameraden zugewiesen. In einem Übungsbereich lernen sie eine Woche lang, in Gasmaske und einem sperrigen, acht Kilogramm schweren Ganzköperschutzanzug komplexe Aufgaben zu lösen.

Am Tag der Ernstfallübung nähern sich zwölf Lehrgangsteilnehmer in Gasmasken und Schutzanzügen in Begleitung ihrer Ausbilder der Sicherheitszone des Gebäudes durch eine Reihe von elektronisch gesicherten Türen. Schweißnass und unter heftigem Herzklopfen verspüren die Teilnehmer ein Gefühl der Klaustrophobie, das von Angst vor Vergiftung begleitet wird. Sie haben sich mit der Toxikologie der Kampfstoffe vertraut gemacht. Die Folgen eines Kontakts mit dem Gift sind ihnen nur zu bewusst. Die Gegenwart zweier Ärzte mit Spritzen voller Gegengift ist nur ein schwacher Trost. Wenn Gegengift innerhalb von Sekunden in die Oberschenkelmuskulatur injiziert wird, kann es Leben retten. Eine junge Soldatin hält der Anspannung nicht stand; sie bricht in Tränen aus und muss hinausbegleitet werden.

Im ersten Abteil der Heißen Zone stellen sich die Teilnehmer im Kreis um einen Metalltisch in der Mitte des Raumes. Sie versuchen, ihre Angst mit Draufgängertum zu bekämpfen und skandieren unter ihren Gasmasken: „Wir wollen das Gas!“, was indirekt soviel bedeutet wie „Wir wollen Nerven zeigen“. Wie auf ein Stichwort betreten zwei Kampfstoffträger den Raum. Sie tragen schwere grüne Gummischürzen über ihren Schutzanzügen und gehen langsam und gemessen. Jeder von ihnen trägt einen kleinen Plastikbehälter, in dem sich eine mit Nervenkampfstoff gefüllte Spritze befindet. Der Kampfstoff wurde in einem Labor auf dem Gelände hergestellt und in einem bewachten Tresor aufbewahrt. Einer der Träger hält eine Schüssel mit Dekontaminationslösung unter den Behälter um verschüttete Tropfen aufzufangen und holt vorsichtig die Spritze heraus. Er platziert sechs Tropfen an verschiedenen Stellen des Metalltisches, dreht sich zur Videokamera in der spitzen Ecke des Abteils und erklärt feierlich: „Hier ist das Gas“, die indirekte Aufforderung, dass es Zeit ist, Nerven zu beweisen.

Die Teilnehmer müssen jetzt das Gift identifizieren. Mit dicken Gummihandschuhen nimmt einer von jedem Paar linkisch einen M8-Teststreifen aus einem Chemieset im Taschenformat und wischt damit leicht über die Oberfläche eines Tropfens. Wenn die Flüssigkeit einen chemischen Kampfstoff enthält, verfärbt sich der Teststreifen: Rot bei einem Blasengas wie Senfgas, gelb bei Sarin, grün bei VX. Der Teilnehmer beobachtet, wie sich das Papier dunkelgrün färbt: Bei der klaren Flüssigkeit handelt es sich um VX. Dann „killt“ der Teilnehmer das Papier, indem er es in einem Eimer mit Dekontaminationslösung wirft. Dann wird das Gasrisiko mit einem M256-Set überprüft: Das Set besteht aus einer Karte mit Plastikblasen, in denen gefüllte Glasampullen stecken. Wenn zwei der Ampullen zerdrückt werden, die Flüssigkeiten sich vermischen und miteinander reagieren, entsteht eine Testflüssigkeit, durch die sich ein Tropfen ohne Nervengas blaugrün färbt. Der Tropfen bleibt aber farblos, das heißt, es ist VX Gas vorhanden.

Nach weiteren Aufgaben verlassen die Teilnehmer die Heiße Zone und betreten eine Luftschleuse. Sie müssen nun einen langwierigen Prozess durchlaufen, in dem ihre Schutzkleidung dekontaminiert und abgelegt wird. Das verlangt viel Selbstkontrolle, weil sie kaum erwarten können, ihre Anzüge und Masken loszuwerden. Wer seine Gasmaske zu früh entsiegelt oder Teile der Schutzkleidung in der falschen Reihenfolge ablegt, wird „rot markiert“ und muss einen Bluttest ablegen. Zum Schluss gehen die Teilnehmer unter eine eiskalte Dusche, um die Poren zu schließen.

Danach löst sich die Anspannung, die Teilnehmer reden lachend und scherzend über das Erlebte. Niemand gibt zu, dass Angst im Spiel war.

Auszug aus War of Nerves: Chemical Warfare from World War I. to Al-Qaeda (New York, Pantheon Books, 2006)

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