Zeitung Heute : Krieg im Sudan: Gefangen im Land der 99 Berge

Christoph Link

Ein Flugzeugwrack markiert das Ende der Landepiste. Hier hat eine ukrainische Crew ihren ersten Afrikaflug in den Sand gesetzt. Nur eine einzige private Fluggesellschaft fliegt die Nuba-Berge im Sudan seither noch sporadisch an. Die Luftbrücke, einzige Verbindung zur Außenwelt, ist brüchig.

Doch heute setzt wieder eine Propellermaschine auf der Sandpiste von Kauda auf. Die Frau des neu gewählten Gouverneurs der Nuba-Berge, Abdullah Aziz Adam, und seine drei Söhne sind an Bord der "Adover". Lange hatten sie im sicheren Ausland gelebt, jetzt kehren sie heim: "Meine Familie soll mit mir in den Nuba-Bergen sterben und leben", sagt der frisch gebackene Gouverneur. Der Versprecher liegt daran, dass er nervös ist, während er in die Kamera eines britischen Filmteams spricht.

Seit 1983 liefern sich die Rebellen der Sudanesischen Volksbefreiungsfront (SPLA) und die Regierungsarmee aus Khartum einen Krieg zulasten der Zivilbevölkerung. Der christlich-animistische Süden kämpft für die Autonomie vom arabisch-islamischen Norden. Gestern kamen erstmals nach vier Jahren die Kriegsherren des Sudan zu einem Friedensgipfel in Nairobi zusammen. Der Ausgang der Verhandlungen ist jedoch völlig ungewiss, denn im Südsudan waren erst vergangene Woche wieder heftige Kämpfe ausgebrochen.

Die Gebiete der Rebellen im Südsudan sind von den Landwegen weitgehend abgeschnitten. Doch sie werden von Kenia aus mit Hilfsflügen der Vereinten Nationen jeden Tag mit Hunderten von Tonnen Nahrung beliefert. Ein Abkommen zwischen der SPLA, Sudans Regierung und den UN hat dies möglich gemacht. Die Nuba-Berge jedoch sind isoliert wie eine einsame Insel, von humanitärer Hilfe ausgeklammert. Khartum legte ein Veto gegen Hilfsflüge dorthin ein.

Die Kämpfer der SPLA in der Zentrale Kauda sind gut ausgestattet, mit neuen Uniformen und Gewehren. Doch die Armut der Bergbauern ist beklemmend. Hilfsorganisationen haben es schwer in Kauda, denn die Transportkosten sind immens. "Für ein Kilo Zement zum Brunnenbau oder Sorghum zahlen wir 1,7 US-Dollar Transportkosten", sagt Marc Bloch, Sudanreferent der Caritas Schweiz in Nairobi.

"Die Leute haben bald nichts mehr zu essen", sagt die 35-jährige Salwa Abdulgadir, die die Getreidemühle von Kauda betreibt. "Das Sorghum ist aus den Märkten verschwunden. Bald leben wir von Blättern und Wildfrüchten." Die Nuba-Berge stehen am Rande einer Hungersnot, das räumt der Gouverneur ein, die Regenzeit beginnt jetzt, und die nächste Ernte wird erst im November erwartet. Die Isolation in den Bergen kann tödlich sein. Im letzten Jahrzehnt hat es vier Hungersnöte gegeben, ohne dass geholfen werden konnte.

Jeden Morgen brummen Antonov-Flugzeuge über Kauda. Es sind Transportflüge des Nordens zu den Ölstätten im Süden, manchmal aber auch Bomber, die auf die Siedlungen zielen. So wie vor einem Jahr, als zwei Bomben auf eine Schule von Kauda geworfen wurden und 16 unter einem Baum sitzende Schüler töteten. Lehrer und Eltern haben ein Mahnmal errichtet und darauf die Stahlsplitter der Bombe gelegt, die ihre Kinder zerfetzten. Wie durch ein Wunder hat der Baum überlebt und seltsamerweise leuchtet sein Grün heller als das der anderen Bäume.

Zwei Tage nach der Landung der "Adover" kommt erneut ein Flugzeug nach Kauda. Eine Hilfsorganisation aus den USA bringt fünf Tonnen Sorghum und Linsen - ein Tropfen auf den heißen Stein. Kaum ist das Flugzeug entladen, schlagen Artilleriegeschosse neben der Piste ein, ein Metallsplitter zerfetzt den Arm eines Trägers. Die Front ist zwölf Kilometer entfernt, eine Kanone der Regierungsarmee feuert gelegentlich, wenn ein Flugzeug landet. Die Flugpiste wird wieder gesperrt, die Hilfsflüge müssen eingestellt werden.Laut jüngsten Meldungen der Regierungsarmee in Khartum ist Kauda nun gänzlich eingenommen, 40 000 Menschen aus der Umgebung sind geflohen. Sie sitzen fest im "Land der 99 Berge".

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