Zeitung Heute : Krieg ohne Erklärung

Moritz Kleine-Brockhoff

Wer in Ambon überleben will, darf nicht falsch abbiegen. Zum Beispiel von der Tamaela Straße: Auf der einen Seite, bis unten am Wasser, leben die Moslems; auf der anderen Seite, bis zu den Berghängen, leben die Christen. Die Idee, dass ein Moslem nach oben oder ein Christ nach unten gehen könnte, ist so absurd, dass kein Ambonese darauf käme. Wer es in den vergangenen drei Jahren dennoch tat, wurde in der Regel umgebracht. Christen können nur von Süden in die Stadt fahren, weil dort ein Gebiet angrenzt, das sie kontrollieren. Die Moslems kommen von Norden oder legen am Hafen an. Der Flughafen auf der anderen Seite der Bucht ist neutrales Gebiet, von dort fahren christliche oder moslemische Boote in ihre Zonen. Wer mit dem Auto um die Bucht herumfahren will, müsste durch christliche und moslemische Orte - das geht nicht.

Heißer Wind weht über die Tamaela Straße, eine Allee aus Ruinen. Ein Wellblech klappert, irgendwie hat es sich auf einem verkohlten Dachgiebel gehalten. An der Grenze zwischen den beiden Vierteln gibt es kaum noch etwas, was man kaputt schießen oder verbrennen könnte. Der zerstörte Streifen zieht sich kilometerlang durch Ambon - er ist Puffer, Niemandsland, offiziell gilt er als neutrale Zone: Betongerippe mit schwarzen Wänden, mit Einschüssen übersäte Fassaden, Glassplitter, Schutthaufen, Autowracks, Müll. In unerträglicher Hitze stehen alle paar Hundert Meter indonesische Soldaten mit Maschinengewehren hinter Sandsäcken oder alten Benzinfässern.

Begonnen hat alles am 19. Januar 1999. Das Datum 19. Januar wird auf den Molukken so verwandt wie der 11. September auf der ganzen Welt - jeder weiß, wofür es steht. In jedem Gespräch fällt dieses Datum. Damals stritten sich in Ambon ein Busfahrer - ein Christ - und ein Fahrgast - ein Moslem - um Geld. Wenige Stunden später brannte die halbe Stadt, Christen und Moslems brachten sich gegenseitig um. Wo eine der beiden Gruppen in der Minderheit war, wurde sie vertrieben. So entstand innerhalb von 30 Minuten die Grenze, die noch heute, nach drei Jahren, gilt.

Noch immer ist der Krieg auf den Molukken nicht vorbei. Zwar ist es seit einigen Monaten auf den meisten Inseln ruhig, aber auf Ambon und auf Buru wird noch geschossen. Rund 7000 Christen und Moslems sind tot. Viele Wissenschaftler, Politiker und Geistliche aus aller Welt glauben, dass es bei diesem Krieg keineswegs um Religion geht, sondern um Ressourcen und Ämter. Oder sie glauben, dass mächtige, dunkle Kräfte in Jakarta den Konflikt inszeniert haben.

Wie auch immer - die viel gepriesene, Jahrhunderte alte Freundschaft zwischen den Christen und den Moslems auf den Molukken war nicht stark genug, den Krieg zu verhindern. Beide haben verloren: Rund 500 Gotteshäuser und 36 000 andere Gebäude sind zerstört, 600 000 Christen und Moslems vertrieben. Zurück können nur wenige, die meisten wohnen jetzt bei Freunden, Verwandten oder in Flüchtlingslagern. Auf Ambon gibt es mit zwei Ausnahmen nur noch christliche oder moslemische Orte. Sie sind mehr oder weniger zerstört, manche Dörfer gibt es gar nicht mehr. Das Grün der Tropen verschlingt die Grundmauern verbrannter Häuser.

Die Hauptstadt Ambon besteht aus zwei "religiös gesäuberten" Vierteln. Sie sind so verbarrikadiert, als rechne man stündlich mit einem neuen, großen Angriff. Manchmal explodieren Bomben, in der Bucht werden regelmäßig Boote beschossen, auch im Norden der Stadt liefern sich Christen und Moslems jede Nacht Feuergefechte aus großer Entfernung. Das Ritual soll der anderen Seite zeigen: "Wir schlafen nicht."

In einer noch halbwegs bewohnbaren Baracke lebt Familie Tohumena. Die Leute, denen das Haus gehört, sind weggegangen, weil es ihnen hier zu gefährlich war. Die Tohumenas waren froh, eine Bleibe zu finden. Früher wohnten sie in einer überwiegend moslemischen Nachbarschaft. "Wir sind gut mit ihnen ausgekommen", sagt Valesca, "aber als es losging, haben die Moslems uns mit Steinen beworfen und gebrüllt, sie würden uns umbringen. Als sie dann mit Macheten kamen, sind wir gegangen."

"Am nächsten Tag wollten wir unsere Sachen holen, aber die, die gestern noch Freunde waren, haben uns nicht mehr reingelassen", erzählt Valesca weiter. "Seitdem wird ständig geschossen, und dauernd gehen irgendwo Bomben hoch." Und ihr Mann Jacob sagt: "Die Kinder haben Angst. Wenn es knallt, krallen sie sich die Bibel und verstecken sich. Das muss endlich aufhören, wir wollen Frieden und mit den Moslems reden. Aber die wollen das nicht."

50 Meter vom Haus der Tohumenas entfernt, aber für sie unerreichbar, wohnen die Ohorellas. Der Moslem Ali sagt fast das Gleiche wie der Christ Jacob: "Früher gab es keine Probleme, jetzt ist die Situation schlimm. Alles ist teuer, viele sind arbeitslos. Wir wollen Frieden. Aber die Christen wollen das nicht." Die Ohorellas sind nicht vertrieben worden, aber auch sie wohnen zwischen Ruinen. Moslems und Christen haben das Gleiche getan: Nachdem sie die anderen vertrieben hatten, zündeten sie deren Gottes- und Wohnhäuser an - niemand sollte zurück. Deshalb ist nicht nur der Grenzstreifen verwüstet, auch viele andere Teile der Stadt sind es.

Außer der Universität, die in neutralem Gebiet liegt, wird kaum etwas wieder aufgebaut - niemand hat das Geld dafür. In der moslemischen Zone ist es kaum anders als in der christlichen: Flüchtlinge von anderen Teilen der Insel hausen unter Plastikplanen, viele Menschen leben zwischen Müll und Geröllhalden. Auf Balkonen von ausgebrannten Ruinen hängt Wäsche. Gewehrläufe ragen aus den Posten der Soldaten und Polizisten hervor, in Hauseinfahrten stehen Panzer.

Gegenüber der Al-Fatah-Moschee duftet es nach den Gewürzen, die seit zwei Jahrtausenden Händler auf die Molukken ziehen. Auf den "Kaki lima" - kleinen Wagen - wird für die Männer gekocht, die zum Abendgebet in die Moschee geströmt sind. Malik Selang kommt heraus, er ist Vertreter des Obersten Rates der islamischen Gelehrten Indonesiens und in Ambon eine Stimme der moderaten Moslems. Malik hat in der Vergangenheit Versöhnungsversuche unterstützt, sie waren erfolglos - jetzt stellt er eine Bedingung für einen neuen Dialog: "Unsere christlichen Brüder müssen sich erst bei uns entschuldigen", sagt Malik, "sie müssen anerkennen, dass sie den Konflikt begonnen haben. Sie haben uns am 19. Januar angegriffen." Eine Entschuldigung sei nicht möglich, sagt S. J. Mailoa, der Generalsekretär der protestantischen Kirche der Molukken. "Wir brauchen eine unabhängige Untersuchung der Vorfälle des 19. Januar", sagt Mailoa. "Sollte sich herausstellen, dass die Christen angefangen haben, werden wir uns entschuldigen. Waren es die Moslems, werden wir ihnen vergeben." Das Wort "unabhängig" ist der Knackpunkt. Es gibt niemanden, dem beide Seiten trauen.

Mit der Nacht schlagen die Stunden der Radikalen. In weiten Teilen Ambons ist es stockdunkel, weil der Strom nicht für die ganze Stadt reicht. In der moslemischen Zone sind die Kämpfer des "Laskar Dschihad" auf den Beinen, die Hardliner militärisch ausgebildet und aus vielen Teilen Indonesiens nach Ambon geschickt haben. Die christliche Miliz auf der anderen Seite ist auch gut organisiert, hat aber keinen Namen. "Wir sind im Untergrund", sagen die Chefs. Mit Funkgeräten sitzen ihre bewaffneten Männer hinter den Straßensperren, die sie nahe der Grenze aufgebaut haben. "Den Soldaten und den Polizisten vertrauen wir nicht", sagt einer von ihnen, "die können oder wollen uns nicht schützen. Unsere Verteidigung müssen wir selber in die Hand nehmen." Dicke Regentropfen prasseln auf den Asphalt, in der Ferne knallen Schüsse.

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