Zeitung Heute : Kriegssplitter

Botschaften übers Internet, Nachrichten am Telefon. Kaum einer weiß genau, was in diesen Tagen im Gazastreifen wirklich geschieht. Gewiss ist nur, dass die Gewalt immer neue Gewalt gebiert. Vier Momente aus verzweifelten Tagen

Christian Salewski[Jerusalem]

Es gibt Momente der Stille, in denen sich alle einig sind. Als der Rabbiner der israelischen Armee das Kaddisch, das jüdische Totengebet, beendet hat, und sein Gesang als leises Echo von den umliegenden Hügeln zurückgeworfen wird, ist so ein Moment gekommen. Orthodoxe Juden mit schwarzen Hüten und langen grauen Bärten stehen neben jungen Männern, denen man ansieht, dass sie die Kippa nur ausnahmsweise tragen, religiöse Frauen in langen Röcken neben Soldaten in Uniform, denen das Sturmgewehr um die Schulter baumelt. Viel haben sie nicht gemeinsam, aber sie alle sind in dieser kalten Januarnacht hierhergekommen, auf den Soldatenfriedhof auf dem Herzl-Berg in Jerusalem, um ihrem ersten Gefallenen im Krieg gegen die Hamas die letzte Ehre zu erweisen. Und wenn man in diesem Moment die Gesichter der Trauernden genau betrachtet, dann erkennt man hinter den Tränen einen sehr patriotischen Stolz. Stolz darauf, dass hier einer sein Leben gab, um sein Land zu verteidigen.

Dvir Emmanueloff starb, getroffen von einer Granate, im Flüchtlingslager Dschabalija im nördlichen Gazastreifen. Er wurde 22 Jahre alt. Am Abend vor seinem Einsatz telefonierte er noch mit seiner Mutter. „Mama, ich muss kämpfen“, sagte er, „ich muss dabei sein.“ Wenige Stunden später war er tot.

„Dvir hatte keine Angst“, sagt sein bester Freund Avihai Peretz in seiner Trauerrede, die über Lautsprecher verstärkt wird. Mit leichter Verzögerung erreicht der Schall auch diejenigen, die ganz hinten stehen, auf der Treppe zur nächsthöheren Friedhofsterrasse. Dort liegen die Gefallenen vergangener Kriege. Vermutlich liegt dort auch Peretz’ älterer Bruder, der im letzten Libanonkrieg ums Leben kam. Peretz kannte Dvir seit Kindertagen. Er stand ihm bei, als dessen Vater vor drei Jahren einer schweren Krankheit erlag. Peretz wählt seine Worte genau. Dvir sei nicht gierig nach Gewalt gewesen, es sei ihm darum gegangen, Menschen zu beschützen. Viele der Trauergäste nicken zustimmend.

Die Ehrengarde hebt die Waffen. Drei Mal bellt das Salut durch die Nacht. Der Sarg wird langsam herabgelassen, in eine israelische Fahne gehüllt, das Flutlicht taucht die Szene in ein eigentümliches Blau. Die Mutter steht daneben. Weinend zuckt sie bei den Schüssen zusammen. Sie beerdigt hier ihren Sohn. Die Menschen, die sie umringen, beerdigen einen Helden. Christian Salewski, Jerusalem

Sie wollen keine Helden sein. „Wir sind nur zwei Menschen, die leben möchten“, sagen sie. Eine Freundschaft verbindet sie, ein Abgrund trennt sie, auch wenn beide Männer keine zehn Kilometer voneinander entfernt leben. „Wenn das alles nicht wäre“, schreibt der eine an den anderen, „würde ich 25 Minuten brauchen, um dich zu besuchen.“

Der Dialog zwischen Israelis und Palästinensern ist schwierig geworden, auch für die wenigen, die überhaupt noch an einem Dialog interessiert sind. Zwei Männer, die ihn nicht abreißen lassen wollen, nennen sich „Peace Man“ und „Hope Man“, ihre wahren Namen geben sie nicht preis, Zeuge ihres Briefwechsels kann man nur im Internet werden. Unter der vor knapp einem Jahr eingerichteten Adresse gaza-sderot.blogspot.com schreibt Peace Man, ein junger Palästinenser, über sein Leben in einem Flüchtlingslager bei Gaza-Stadt, über die Hoffnung, eines Tages sein Studium in Europa fortsetzen zu können, das er 2006 unterbrechen musste, weil man ihn nicht mehr herausließ aus jenem schmalen Küstenstreifen, den die israelische Armee seit zwei Wochen mit Luftangriffen und Bodentruppen attackiert. Und Hope Man, ein israelischer Familienvater, erzählt von seinem Leben in der Stadt Sderot, unmittelbar östlich der Grenze zu Gaza gelegen und mit am härtesten betroffen von den Raketenangriffen der Hamas. Kennengelernt haben sich beide Männer im Februar 2006 in Jerusalem, seitdem haben sie sich nur wenige Male persönlich gesehen. Ihr Dialog im Netz aber ist nicht abgerissen, auch nicht in den schwierigsten Momenten jenes „endlosen, sinnlosen Strudels aus Blut und Irrsinn“, den Hope Man in einem seiner letzten Beiträge beschreibt.

Ihre Botschaft ist simpel: Die Gewalt muss aufhören. Auf beiden Seiten. Sofort. Frieden ist möglich. Diese Botschaft wiederholen sie stoisch, unbeeindruckt von allen Schuldzuweisungen und Hassbotschaften, die Kommentatoren auf ihrer Seite hinterlassen. „Schlachtet die Terroristen endlich ab!“, fordert ein Israeli. „Tod den Mördern!“, schreibt ein Palästinenser. „Wo sind die Milliarden Dollar US-Hilfe geblieben?“, will ein Amerikaner wissen.

Im jüngsten Eintrag, er stammt vom Mittwoch, dem 7. Januar, schreibt Peace Man, der Palästinenser, von den entsetzlichen Zuständen im belagerten Gaza, von getöteten Kindern, von der katastrophalen Versorgungslage. „Wir haben immer gesagt, dass Gewalt nur mehr Gewalt erzeugen wird“, schreibt er. „Ich hoffe, die Welt begreift, dass es hier Menschen gibt, die nur in Würde und Frieden leben wollen.“ Und an Hope Man gewandt fügt er hinzu: „Ich hoffe, dass ich die Chance haben werde, dir wieder zu schreiben.“ Jens Mühling, Berlin

500 Meter. So nah ist der Krieg dem Haus der Familie Emawi in Gaza-Stadt gekommen. Ashraf Emawi, der älteste Sohn im fernen Berlin, weist mit der Hand aus dem Fenster seines Wohnzimmers. Graue Fassaden, graue Gardinen, Straßenbahnen im Schneematsch. Bis zur Kreuzung von Brunnenstraße und Bernauer Straße sind es 500 Meter. So weit entfernt von den Emawis in Gaza-Stadt stand einmal eine Moschee. So dicht detonierten die israelischen Bomben.

Doch was in Berlin bedrohlich nah scheint, verwandelt der Krieg im dicht besiedelten Gazastreifen in eine geradezu sichere Distanz. Für Ashraf Emawi jedenfalls sind 500 Meter genug, um sagen zu können: „Meiner Familie geht es gut.“ So gut es den Mitgliedern einer Großfamilie gehen kann, die sich kaum noch aus dem Haus trauen. Die mit sieben Personen nur noch in der Küche schlafen, dem einzigen Raum ohne Fenster, die durch die Wucht der Detonationen zerspringen könnten. „Habt ihr geschlafen?“, fragte Emawi neulich. „Oh ja, zwölf Stunden“, antwortete sein Vater. „Du Blödmann!“ Denn in Wahrheit fallen sie in Gaza immer nur für wenige Minuten in einen unruhigen Schlaf. Sie haben wenig zu essen, der Strom ist ausgefallen. Hin und wieder hört die Familie Nachrichten aus batteriebetriebenen Radios, Fernsehbilder des Krieges kennen sie kaum. Es gibt kaum neutrale Informationen aus dem Gazastreifen. Auch die Menschen, die in Sichtweite der Ruinen leben, wissen nicht wirklich, was im Land geschieht. Der Kontakt zu Ashraf, dem Sohn in Berlin, hilft der Familie Emawi, die eigene Lage besser zu verstehen.

Seit dem Beginn des Kriegs wählt Ashraf Emawi dreimal am Tag die 13-stellige Nummer nach Gaza. Er steht mit den Fernsehnachrichten von Al-Dschasira auf und schläft zu den verwackelten Videos auf youtube wieder ein. „Menschen ohne Köpfe, Kinder ohne Arme“ sieht er dort. „Gott sei Dank“ habe seine Familie keinen Strom und müsse die Bilder nicht sehen. Die Bilder, die Ashraf nicht abschalten kann. Fast ist es, als wäre er selbst im Gazastreifen, nicht in Berlin. Sieht er auf Al-Dschasira einen Angriff, dann weiß er meist genauer, wo die Bomben landen, als sein Vater, der die Detonationen in der eigenen Stadt nur hören kann.

Seit Anfang der 90er Jahre lebt der 36-jährige Emawi in Deutschland, er studierte Softwareentwicklung an der TU Berlin und gründete vor zwei Jahren eine kleine Firma. Seit dem Beginn des Krieges arbeitet er nicht mehr viel. Stattdessen organisiert er Proteste gegen den Krieg. Gemeinsam mit anderen Palästinensern plant er, dauerhaft auf dem Potsdamer Platz zu demonstrieren. In einem Zelt. Tag und Nacht. Es ist der kälteste Berliner Winter seit Jahren. Aber dieses Opfer scheint ihm gering. Daniel Stender, Berlin

Die Stimme, die Leben retten soll, klingt mechanisch und monoton: „Farbe rot, Farbe rot“, scheppert es aus den Lautsprechern, Raketenalarm. Willkommen in Sderot. Menschen rennen über die Straße, suchen Schutz in den Bunkern, die alle paar Meter die Straße säumen. Wer im Auto sitzt, zerrt hektisch am Anschnallgurt, macht sich los, stolpert aus dem Wagen. Einige Familien verlassen gar nicht mehr den Bunker, oder geben zumindest ihre Kinder den ganzen Tag in die Obhut hinter dickem Beton. Junge Frauen hüten dort die Kleinen bei Kunstlicht. „Die Kinder haben Angst, sind entweder distanziert oder sehr liebesbedürftig“, sagt Schira, eine der Freiwilligen.

Die etwa 20 000 Bewohner der Stadt haben stets die Stoppuhr im Kopf: Wie viele Sekunden habe ich noch? Manchmal bleiben nach einem Alarm zehn Sekunden bis zum Einschlag der Kassam-Raketen, manchmal zwanzig. Wer nicht schnell genug zu den Schutzräumen rennen kann, muss sich an eine Mauer kauern. Das kühle Grau vermittelt Sicherheit, auch wenn darüber der blaue Himmel klafft.

Ein dumpfes Donnern, das durch die Körper grollt, ein Laut, den man stärker fühlt als hört.

Militärangehörige treffen ein, tragen die Überreste der Rakete weg. Ein Ofenrohr mit Blechflügeln, gezimmert in einer Garage in Gaza. Im Asphalt klafft ein Loch von der Größe eines Fußballs.

Ein alter Mann in Sderot erzählt, wie er selber so eine Rakete gebaut habe. „Rüberschießen nach Gaza wollte ich sie – wenn die das machen, will ich das auch dürfen!“, sagt er. Das hat nun die israelische Armee für ihn übernommen. Direkt an der Hauptstraße feuern sie Artilleriesalven ab. Am Horizont stehen schwarze Rauchpilze. Keine zehn Kilometer entfernt kämpft die Hamas für ihre Ideologie, kämpfen die Bewohner von Gaza um ihr Leben.

Auf einem Hügel vor Sderot kämpfen derweil Reporter um die besten Bilder. Das Journalistenheer hat diese Anhöhe im Nirgendwo erobert, um von hier seine Medienschlacht zu führen. Der grüne Hügel ist der Stützpunkt, von dem die Welt auf Gaza schaut. Doch wer hier Gesichter des Krieges sucht, sieht nur Fratzen. Ein Fernsehteam posiert für die Fotos des Kollegen, mit Sonnenbrille und Schutzweste. Hinten brennt Gaza, vorne grinst man fürs Familienalbum.

Immer wieder steigen Schaulustige auf den übervölkerten Hügel. Sie haben ihr Hündchen auf dem Arm oder ihr Kind, wollen Raketen gucken, sind enttäuscht, wenn sie keine Explosionen erleben. Jeder wartet. Der Hügel liegt mitten im Schussfeld der Hamas-Geschosse, doch statt Todesangst herrscht Zeltplatzromantik. Aus einer polierten Edelstahlmaschine blubbert frischer Espresso, ein Kameramann im Klappsessel legt sich eine rot karierte Decke auf den Schoß, trinkt Kaffee. Vor Kriegspanorama wird alles absurd. Svenja Kleinschmidt, Sderot

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