Zeitung Heute : Kriminalistische Nachtschicht im World Wide Web

HARALD KELLER

Im Jahr 1965 trafen sich fünf angesehene College-Professoren zu regelmäßigen Sitzungen, um die Möglichkeiten zur Übernahme der Weltherrschaft zu erörtern.Der Fall wurde nie gerichtsnotorisch, denn es handelte sich allein um intellektuelle Gedankenspiele zur Verkürzung der Mittagspause.Die akademischem Umstürzler waren Anhänger der Fernsehserie "Solo für O.N.C.E.L.", die den Kampf der international tätigen Agentenorganisation O.N.C.E.L.gegen das weltumspannende Verbrecherkartell T.H.R.U.S.H.zum Thema hatte.Rein aus Spaß versetzten sich die Akademiker in die Rollen übelwollender T.H.R.U.S.H.-Strategen.

Heutzutage würden die fünf Kantinenkonspirateure ihre Verschwörungen vermutlich via Internet diskutieren.Die endlose Computerkette ist längst zum Begleitmedium des Fernsehens geworden.Zu jeder nennenswerten US-Fernsehserie existiert eine Web-Seite, und auch in Deutschland werden die Fans von "Marienhof" oder "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" rasch fündig.Die offiziellen Seiten umfassen Stabangaben, Informationen über den Fortgang der Handlung, mitunter auch Interviews mit den Stars oder Teilnahmeaktionen zwecks Zuschauerbindung und Chat-Ecken für den Austausch untereinander.Und auch der Kommerz wird gefördert wie bei RTL, wo unter dem Rubrum "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" auch die Variante "Shopping mit GZSZ" feilgehalten wird zum Zwecke des Direkterwerbs von Schülerkalendern, Bettwäsche, Strandtüchern, Duschgels mit dem Logo des Serienhits.

Doch das weltweite Web läßt sich auch anders nutzen.Der US-Sender NBC leistete Pionierarbeit, als er am 14.Februar 1997 einen Ableger der gepriesenen Kriminalserie "Homicide: Life on the Street" - in Deutschland im Programm von Vox - ins Netz stellte.Die Zellteilung populärer Serien ist kein neues Phänomen: Aus "Dallas" entstand "Unter der Sonne Kaliforniens", "Beverly Hills, 90210" war Ursprung einer ganzen Serienfamilie mit den Titeln "Melrose Place" und "Models, Inc." Mit "Homicide" verhält es sich anders, denn die von Barry Levinson am Originalschauplatz Baltimore produzierte Serie ist in den USA bei Kritikern beliebter als beim Fernsehvolk.Indes verfügt sie über eine treue und engagierte Fangemeinde.Die hohe Zahl privater Webseiten spricht für sich.

An diese Interessensgruppe wandte sich NBC mit "Homicide: Second Shift".Hauptfiguren der nur auf den Webseiten verfügbaren Serienerzählung sind die Ermittler der Nachtschicht des Morddezernats, die "Schatten", wie sie ihr Kollege Pembleton einmal zu nennen beliebt.Ein Autor und fünf Realisatoren bringen die Fälle der Detectives Cutler, Johnson, Bonaventura und "LZ" ins Netz.Jedes Skript wird zuvor dem verantwortlichen Serienproduzenten Tom Fontana vorgelegt, dem daran gelegen ist, daß Tonfall und Optik der computergenerierten Serie mit dem grimmigen Realismus des Originals übereinstimmen.Derzeit sind drei Geschichten verfügbar, "Arrested Desire", "Last Dance" und "DOA.Exe".

Jede Erzählung ist visuell anders aufbereitet.Gemeinsam haben sie die Unterteilung in Akte, eine Textfassung in Drehbuchform, Fotos und Geräusche, mitunter auch gesprochene Dialoge.Die Texte sind interaktiv gestaltet, von bestimmten Stichworten aus lassen sich via Mausklick beispielsweise relevante Fotos aufrufen.Auch Tips zum Tathergang kann der Nutzer abgeben, mit anschließender statistischer Auswertung der eingereichten Vorschläge."Websodic" nennen die Urheber diese Multimedia-Mischung aus Ton-Dia-Schau, Hörspiel, Fotoroman und Drehbuch."Nicht ganz Fernsehen, nicht ganz Web.Etwas Neues, etwas, das aus beiden Medien das Beste macht", urteilte die Zeitschrift "ZDNET".NBC-Präsident Warren Littlefield sprach von einer "Hochzeit zwischen Fernsehen und Internet auf ganz neuem Level".Tom Fontana, ein vormaliger Theaterautor, äußerte gegenüber "USA Today" anfangs Unbehagen: "Ich hatte das Gefühl, dies ist der Beginn einer Entwicklung, die mich arbeitslos machen wird."

Die Frequentierung der Seiten narrativen Inhalts wird, wie auch die der exzellenten Begleitseiten zur Mutterserie, exakt erforscht.Dabei kam Erstaunliches zutage: Eine große Zahl von Nutzern ruft die Webseite auf, während "Homicide" im Fernsehen läuft.Das Verhalten der Verbraucher kommt demnach der absehbaren technischen Entwicklung, der Verbindung von Computernetz und herkömmlichem Fernsehen in einem Gerät, entgegen.Von seiten NBCs wurde bereits mit Intels "Intercast"-Verfahren experimentiert, das es ermöglicht, die reguläre Fernsehsendung zu verfolgen und zusätzliche Text- und Bildinformationen via Web abzurufen.Angesichts dessen erscheinen Tom Fontanas Berufsängste unangebracht - die neue Technologie erweitert die kreativen Möglichkeiten der seriellen Fernseherzählung.Bis sich die Normalzuschauer darauf einlassen, werden sicherlich noch einige Jahre ins Land gehen.

Internet: www.nbc.com/homicide "Homicide", montags gegen 0.00 Uhr bei Vox.

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