Zeitung Heute : Krippenfest des heiligen Buddhisten-Knaben

VOLKER KLINKMÜLLER

Die Thailänder haben mit Weihnachten eigentlich nichts im Sinn, aber sie feiern trotzdem ­ und wittern große Geschäfte VON VOLKER KLINKMÜLLER

Wer eine Fernreise nach Thailand gebucht hat, um dem Festtagstrubel rund um Weihnachten zu entfliehen, sitzt möglicherweise im falschen Flugzeug.Auch mitten in Südostasien ist man vor Weihnachtsglamour nicht gefeit. Überall grünt und blüht die exotisch-tropische Vegetation.Das milde Klima könnte so manchem Urlauber die Weihnachtszeit glattweg vergessen lassen, würden da nicht unübersehbare Dinge für Festtagsstimmung sorgen:Bunte Neonröhren, Lampions und endlose Lichterketten schmücken Hotels und Restaurants, Bäume und Büsche.In den Kaufhäusern der thailändischen Hauptstadt Bangkok und den größeren Provinzstädten werden pausenlos bekannte Weihnachtshits gespielt, während das Warenangebot mit grünen Christbäumen, Papp-Schneemännern und zipfelmützigen Nikoläusen verziert wird.Traditionsgemäß versinkt Thailand schon zum Geburtstag von König Bhumipol Adulyadej am 5.Dezember in ein einzigartiges Lichtermeer, "Jingle-Bells" ist an fast jeder Ecke zu hören. Als Buddhisten kennen die Thais eigentlich kein Weihnachten.Aber zum einen wittern tüchtige Kaufleute, Gastronomen und Reiseveranstalter auch hierzulande das große Geschäft und zum anderen kommt das wichtigste christliche Fest mit all seinen Begleiterscheinungen einer ausgesprochenen Vorliebe der Thais für Festivitäten und Feierlichkeiten aller Art entgegen.Obwohl der traditionelle Festtagskalender bereits mit zahlreichen religiösen Zeremonien und regionalen Festivals überladen ist, stehen die Einheimischen den Feierlichkeiten anderer Kulturen ­ Lebensfreude, Religionsfreiheit und Toleranz werden in Thailand schließlich traditionell großgeschrieben ­ besonders aufgeschlossen gegenüber. Im Gegensatz zu Christen oder auch Muslimen sind Buddhisten nur selten gegen Andersdenkende zu Felde gezogen.In ihrem Glauben soll jeder nach seiner Auffassung leben können, solange er nicht die Lebensmöglichkeiten anderer einschränkt.So wird Buddha auch nicht als Gott, sondern als Lehrer für den rechten Pfad angesehen.Er war tolerant, versuchte sogar die Gläubigen anderer Kulturen zu verstehen.Auf diese Weise sind zum Beispiel althergebrachte Traditionen, spiritistische Riten oder die Verehrung von Geistern bis heute problemlos mit dem Buddhismus vereinbar.Das christliche Weihnachtsfest wurde in Thailand zwar nur langsam, aber durch die wachsende Präsenz von "Farang" (Ausländer aus dem Westem) immer stärker angenommen.Nach der einheimischen Lebensphilosophie sollte eine Feier jedoch nicht unbedingt besinnlich oder gar inhaltsschwanger, sondern vor allem spaßig und schön sein ­ also dem für Thais lebenswichtigen Streben nach "Sanuk" (Spaß) und "Suay" (Schönheit) frönen. Ein Teil der Weihnachtsdekoration wird gleich um die Ecke produziert: Die Bangkoker "Christmas Decoration Company" hat sich auf das Herstellen von Weihnachtsbäumen aus Plastik spezialisiert.15 Zentimeter klein oder bis zu sechs Meter groß sind die PVC-Christbäume, die es in nacktem Grün, aber auf Wunsch auch schon komplett geschmückt mit Lichterketten, Girlanden, Lametta, angehängten Kugeln, Sternen und Glöckchen oder mit aufgesprühtem Schnee gibt.Die bizarren Plastik-Kunstwerke werden vor allem nach Amerika, Frankreich und Deutschland exportiert."Über die tatsächliche Bedeutung von Weihnachten, weiß ich kaum etwas.Aber sicher ist, daß wir jedes Jahr mehr und mehr Bäume an die Einheimischen verkaufen", erzählt Managerin Vilaiwan Watsiriseree. Bereits Anfang Dezember beginnen die Postboten unter der Last von sogenannten "Seasons Greetings"-Karten zu stöhnen, die mittlerweile ­ besonders unter Geschäftsleuten ­ in Mode gekommen sind und die guten Wünsche zum Jahreswechsel gleich einschließen.Von Mitte Dezember an werden in wohlhabenden Familien und vor allem in Firmen, die Farangs (westliche Ausländer) beschäftigen, Geschenke ausgetauscht.Dabei kommt es weniger auf den Wert des Inhalts, als vielmehr auf eine besonders originelle und hübsche Verpackung in Schachteln, Papier, Folien, Schleifen und Zierbändern an.Auf diese Weise ergibt sich ­ zusammen mit der allgegenwärtigen Weihnachtsdekoration ­ für die Thais eine weitere willkommene Gelegenheit, dem "Kult des Schönen" zu huldigen.Nicht selten fällt sogar auch für die Schutzgeister, die separat in den allgegenwärtigen Miniatur-Häuschen wohnen, eine kleine Gabe ab. Im internationalen Seebad Pattaya ­ rund 150 Kilometer östlich der thailändischen Hauptstadt, wo sich zahlreiche deutsche Aussteiger niedergelassen haben und mit Abstand die meisten Bundesbürger ihren Thailand-Urlaub verbringen, locken viele der über 320 Hotels mit umfangreichen Weihnachtsfeiern.Insider verbringen den Heiligabend am liebsten im "Thai-Garden-Resort", dessen familiäre Weihnachtsatmosphäre fast schon zur Legende geworden ist.Bereits am frühen Abend schleicht ein ­ unter seinem Rauschebart schwitzender ­ Weihnachtsmann durch das Foyer, um einige Rutenhiebe, aber noch viel mehr Geschenke zu verteilen.Neben allerlei kulinarischen, rund um den Swimming-Pool aufgebauten Leckereien wird es ein auf hunderten von bläulich-silbern schimmernden Eisblöcken errichtetes Dessert-Büfett geben, das bereits im vergangenen Jahr für spontanen Applaus der Hotelgäste gesorgt hatte.Das deutsche Manager-Ehepaar Michael und Marion Vogt will auch dieses Mal persönlich durch den Abend moderieren, Shows und Vorführungen ankündigen. Was in den Hotels der Stadt am Heiligabend zum Besten gegeben wird, hat allerdings mit dem christlichen Fest ­ und das mag die Weihnachtsmuffel unter den Touristen wieder etwas versöhnen ­ oft herzlich wenig zu tun: Die Palette der phantasievollen Darbietungen reicht von traditionellen Volkstänzen und Modeschauen über Thai-Boxen, Schwerter-Kampf und Akrobatik-Zirkus bis hin zu Magic-Shows, Zombie-Ballett oder Feuerwerk.Pattayas bekanntes "Bavaria-House II", dessen mächtiger Festzelt-Rundbau bis zu 1000 Gästen Platz bietet und mit einem eigens aus Deutschland eingeflogenen Weihnachtsbaum dekoriert sein wird, will am Heilgabend sogar eine eindeutig zweideutige "Travestie-Show" zum Besten geben.Zu den weiteren Höhepunkten gehören Preisschießen, Baumstamm-Sägen und die traditionelle Schweinekopf-Versteigerung.Den Großteil des Heilgabends werden allerdings Thais in Lederhosen bestreiten, die mit bayerischer Blasmusik, zünftiger Jodelkunst und gekonntem Schuhplattler aufwarten können.Kellnerinnen im Dirndl servieren Maßbier, während sich das üppige Büfett unter dem Gewicht von Spanferkel, Krustenbraten, Truthahn, Ente oder gefüllten Wachteln, aber auch Salzkartoffeln, Sauerkraut, Semmeln und Salaten biegen wird. Hochbetrieb herrscht zur Weihnachtszeit aber besonders auch auf den vielen Eilanden des Königreichs.Die beliebtesten Urlaubsinseln Süd-Thailands ­ das palmenreiche Koh Samui und Phuket, das durch seinen eigenen Flughafen direkt von Deutschland aus angesteuert werden kann ­ müssen sich mächtig ins Zeug legen, um den Ansturm aus aller Welt zu bewältigen.Selbst Thailands zweitgrößte Insel Koh Chan, die im Osten vor der Küste Kambodschas gelegen und bisher weniger bekannt ist, hat ­ trotz noch vorherrschender Bambushütten- und Petroleum-Romantik ­ mit angereisten Besucherscharen zu kämpfen. Einige Bungalow-Anlagen des langgestreckten Hauptstrands "White-Sand-Beach" haben sich auf riesige Büffets direkt am Meer spezialisiert.Hier gibt es nichts, was es nicht gibt, aber vor allem natürlich Meeresfrüchte: Gegrillte, überbackene oder fritierte Fische, fangfrische Langusten, Krebse, Garnelen, Muscheln.Unter Kokos-Palmen und klarem Sternenhimmel, mit Wellenrauschen und ausgelassener Stimmung wird genüßlich geschlemmt, während das thailändische Personal zu vorgerückter Stunde die Gäste und sich selbst mit allerlei improvisierten Darbietungen amüsiert.Nur vereinzelt im Palmenwald schaukelnde Hängematten und flackernden Lagerfeuer deuten darauf hin, daß es unter den Inselgästen tatsächlich auch einige hartgesottene "Weihnachtsflüchtlinge" zu geben scheint...

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