Zeitung Heute : Kritisch gesehen: Hochgefönt

Bernd Matthies

ZDF Reporter. ZDF. Wie konzipiert das ZDF ein neues Reportagemagazin? Ungefähr so: Für investigative Wühlarbeit mit Nachrichtenwert fehlt das Personal, der Titten-Terror der Privatkonkurrenz verbietet sich von selbst, und für den beliebten Service-Journalismus hat man andere Sendeplätze. Übrig geblieben ist für das Magazin "ZDF.Reporter" das Prinzip, die Menschen hinter den Nachrichten zu zeigen - eine Wundertüte ohne Wunder, durch Moderation und Themenwahl boulevardesk hochgefönt.

Die Premierensendung bot zwei handwerklich saubere Berichte, einen über eine Deutsche, die nach dem mutmaßlichen Selbstmord ihres Mannes in tansanischer Haft sitzt, den anderen über Greifswalder Obdachlose, deren Freunde aus reinem Vergnügen totgetreten werden. Die Strecke über die badische Bäuerin, deren Kühe zum Schlachten abgeführt werden, wirkte dagegen wie der Versuch, Reste aus der "heute"-Redaktion wegzusenden; die Ratlosigkeit des Autors mündete in eine tendenziöse Mikro-Anklage gegen "Politiker, die vielleicht gar nicht wissen, dass ...Menschen leben, die von ihren Eltern als Hochzeitgeschenk eine Kuh bekommen haben". Ja, und? Noch deutlicher wurde der Versuch, mit ungeeignetem Material kritischen Journalismus zu simulieren, im Bericht über ein dürres Fotomodell, das mit Assoziationen an hungernde Afrikaner für "World Vision" wirbt. Den Geschäftsführer führte die Autorin mit den Worten ein, "er kennt die Attacken und hat sich die Antworten zurechtgelegt" - eine ziemlich fiese Tour. Positiv im Kopf blieb vor allem der sympathische Eindruck, den Redaktionsleiter Steffen Seibert als Moderator machte.

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