Zeitung Heute : Kroaten wieder Meister der Effektivität

MICHAEL ROSENTRITT

PARIS .Miroslav Blazevic wedelte wie entrückt mit einer französischen Polizistenmütze umher.Ein von einem Flic geschenktes Utensil, das er als Talisman zu jedem Spiel mitgeführt hatte, aber erst in der Nacht zum Sonntag Platz auf seinem Kopf Platz fand.Der WM-Neuling Kroatien hatte im Spiel um den dritten Platz die favorisierten Holländer mit 2:1 schlagen können.Und während nach dem finalen Pfiff im Prinzenparkstadion die Herren Blazevic, Suker, Boban und Prosinecki ordentlich Freude am Finale der Verlierer hatten, standen den Holländern Tränen in den Augen.Doch diese Leidenschaft war in ihnen zu spät erwacht.

Den Kroaten konnte man anmerken, daß sie hier bei ihrer ersten Weltmeisterschaft unbedingt das kleine Finale gewinnen wollten."Es ist immer noch besser, Dritter als Vierter zu werden", hatte Blazevic als Marschroute für seine Elf vorgegeben.Hollands Bondscoach Guus Hiddink ging es lediglich um pure Eitelkeit."Am Montag sollen die Leute sagen, das Spiel zwischen Holland und Kroatien war besser als das Endspiel zwischen Frankreich und Brasilien."

Während die Kroaten von der ersten Minute an sehr konzentriert wirkten, sich zunächst auf ihre Defensivqualitäten beschränkten, stürmten die Holländer drauflos.Vor allem im späteren Verlauf der Partie sollte sich aber zeigen, daß bei ihnen nicht die Freude über das Erreichen des kleinen Finals mitspielte, sondern eher die Enttäuschung darüber, in Frankreich nicht das Endspiel erreicht zu haben.Über weite Strecken und vor allem im zweiten Abschnitt war das Oranje-Team zwar spiel- und balldominierend, doch praktizierte es einen wenig effizienten Angriffsfußball.Die Kroaten ließen den Gegner machen, lauerten auf ihre Chance, um ihre schärfste Waffe, den Konter, einsetzen zu können.Gleich sechs Versuche der Holländer durch Cocu (einmal), Kluivert (zweimal) und Jonk (dreimal) gingen ins Leere oder aber fanden ihr Ende in den Armen von Torhüter Ladic.Die Mannschaft vom Balkan erwies sich wieder einmal als Meister der Effektivität, oder weniger freundlich ausgedrückt: Die Kroaten machten aus wenig viel.

Ihr linker Außenbahnläufer, Robert Jarni, preschte nach vorn, bediente den im Zentrum des Strafraums stehenden Prosinecki.Der "alte Fuchs" drehte sich in die eine - und Verteidiger Arthur Numan in die andere Richtung - und schob ein zum 1:0.Darauf sollten die Holländer noch eine Antwort finden.In der 21.Minute spielte Boudewijn Zenden Slalom mit gleich drei kroatischen Akteuren (Jurcic, Jarni und Bilic) und egalisierte mit einem herrlichen, angeschnittenen Schuß.Vieles sprach in dieser Phase für die Holländer.Doch wurden sie abermals kalt erwischt.Kapitän Boban hatte auf Suker gepaßt, der knapp einen Meter hinter dem linken Strafraumeck stand und den Ball direkt abschoß.Mit dem Außenrist seines "unheimlichen" linken Fußes durch die Beine Jaap Stams und vorbei am langen Keeper Edwin van der Sar ins äußerste Eck.Die Holländer waren wie gelähmt.

Damit war die Entscheidung gefallen, denn in der zweiten Hälfte landete kein Ball mehr regulär im Netz.In der 54.Minute hatte Seedorf noch einmal das Leder über die Linie bugsiert, doch das Tor wurde irrtümlich wegen Abseitsstellung nicht anerkannt.Die Kroaten verteidigten Bronze mit Mann, Maus und Geschick.Die Holländer drehten sich wie im Kreise.Nochmals scheiterten sie viermal - Kluivert, Zenden und Seedorf - an Ladic, der sich in der letzten Viertelstunde als wahrer Feuerwehrmann erwies.Wenngleich ohne Mütze.

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