Zeitung Heute : Kryptographie und die Kraft des Faktischen

STEFAN KREMPL

"Die Kryptodiskussion ist in Deutschland längst zu Ende", meint Ulrich Sandl, im Bundeswirtschaftsministerium für den "Dialog mit gesellschaftlichen Gruppen und IT-Sicherheit" zuständig.Der Kryptoexperte stellte auf dem Jahreskongreß des Chaos Computer Clubs in Berlin kürzlich die Haltung der Bundesregierung im endlosen Streit um die Verschlüsselung von Daten im Netz vor: Lange Zeit sei die Diskussion in Politikerkreisen allein aus dem Blickwinkel der "Bedarfsträger", der Sicherheits- und Strafverfolgungsbehörden, geführt worden, denen es im Kampf um die Kriminalität allein um die Beschränkung von Kodier-Schlüsseln - und damit die Knackbarkeit der Codes - oder um die Hinterlegung der privaten Schlüssel der Nutzer bei einer Behörde geht.Doch die Geschäftsfelder im Internet würden immer wichtiger, so daß die Regierung eine Beeinträchtigung der Verbreitung von starker Kryptographie nicht mehr beabsichtige.

Im Frühjahr will das Bundeswirtschaftsministerium Nägel mit Köpfen machen.Anfang Februar soll ein Bericht zur Kryptopolitik vorgestellt werden, der die Bedeutung der Verschlüsselungsmechanismen für die Wirtschaft auslotet.Wenig später will das Wirtschaftsressort zusammen mit dem Innen- und Justizministerium Kryptoguidelines mit "liberalem Duktus" verabschieden, wie Siegmar Mosdorf, SPD-Staatssekretär im Wirtschaftsministerium jüngst erklärte.Vorbilder für die Richtlinien könnten die Regelungen Irlands, Kanadas und Frankreichs sein.Dort gäbe es keine Beschränkungen für den Gebrauch von Verschlüsselungsprodukten, erklärte Sandl."Sollte Kryptographie allerdings dazu verwendet werden, Verbrechen zu vertuschen, wirkt sich das strafverschärfend aus."

International gesehen könnten die Initiativen des Bundeswirtschaftsministeriums allerdings zu spät kommen.Kopfzerbrechen bereitet Sandl vor allem die Tatsache, daß international bereits andere Gremien und Regierungen an der Durchsetzung von Standards arbeite, die die eigenen Zielsetzungen unterlaufe: "Es kann auch die Kraft des Faktischen sein, die regelt."

Am erfolgreichsten im Faktenschaffen sind die USA."Dort wird Kryptographie eher als Bedrohung denn als Schutz gesehen", weiß der gelernte Jurist.Ziel der US-Regierung ist es, mit Hilfe der "Key-Recovery-Technologie", bei der die zur Entschlüsselung notwendigen geheimen Keys der Nutzer bei einem "vertrauenswürdigen Agenten" hinterlegt werden müssen, im Bedarfsfall innerhalb von zwei Stunden die Daten zu entziffern.Key Recovery, so Sandl, sei nichts weiter als eine Beschönigung, es gehe den Sicherheitsbehörden in den Vereinigten Staaten allein um den Zugriff auf den unverschlüsselten Klartext.Seit zwei Jahren versuche die US-Administration weltweit möglichst viele Länder von ihrer Key Recovery Initiative zu überzeugen.

Die Ergebnisse sind zwiespältig.Die Europäische Kommission hat sich wiederholt gegen die US-Pläne ausgesprochen.Vor allem das deutsche Wirtschaftsministerium stellte sich bereits vor dem Regierungswechsel bocksbeinig, da es die Unternehmenskommunikation aus dem eigenen Lande nicht in den Rechnern der "National Security Agency" (NSA) und später in den Händen der amerikanischen Wirtschaftskonkurrenz landen sehen wollte.Großbritannien liebäugelt dagegen noch mit Schlüsselhinterlegungsmodellen.Schaut man nach Südostasien, so kann man in den Gesichtern vieler Politiker beim Erwähnen des Begriffs "Key Recovery" sogar die Augen leuchten sehen.Decken sich die Interessen der Sicherheitsbehörden dort doch durchaus mit den Wünschen der Regierungspolitker, beim Datenverkehr generell mitzulesen.

Doch selbst wenn Regierungen weltweit noch keine Einigung im Bereich Key Recovery gefunden haben, so könnte die Privatwirtschaft in "vorauseilendem Gehorsam" die von der US-Regierung gewünschten Fakten schaffen: Zahlreiche Kryptoausrüster beugen sich bereits den "Standards" der US-Administration, um den bedeutenden amerikanischen Markt nicht zu verlieren.Um ihren guten Willen gegenüber dem Staat zu zeigen, hat sich 1997 in den USA die "Key Recovery Alliance" (KRA) gebildet.Zu den momentan rund 30 Mitgliederfirmen gehören Industriegrößen wie IBM, Hewlett Packard oder auch Network Associates, die "Mutterfirma" von PGP.

Die Partner der KRA haben sich in den Kopf gesetzt, die Anwendbarkeit der Key-Recovery-Technologie unter Beweis zu stellen."Das Referenzprodukt ist Lotus Notes von IBM", weiß Andy Müller-Maguhn, Pressesprecher des CCC.Für die Ausstattung des Produktes mit Funktionen für die Schlüsselhinterlegung habe der Computergigant viel Geld investiert und versuche nun, das Ergebnis auch im Markt durchzudrücken.

IBM hat bereits Erfolge zu vermelden: Wie Sandl bestätigte, wird momentan die gesamte Bundeswehrverwaltung mit Lotus Notes ausgerüstet.Ob die Entscheidungsträger bei ihrer Einkaufsplanung über den vollen Funktionsumfang der neuen Software aufgeklärt wurden, erscheint fraglich.Doch nicht nur die Streitkräfte setzen auf "sichere" Kommunikationslösungen: Auch die Deutsche Bank befriedigt das Austauschbedürfnis ihrer Mitarbeiter mit einem Intranet auf der Grundlage des Groupware-Standards.Gegen "Gelegenheitslauscher" reiche der Verschlüsselungsschutz, den Lotus Notes biete, meint Berhard Esslinger, bei dem Bankunternehmen für IT-Sicherheit zuständig.Für "kritische Kommunikation" würden zusätzliche Verschlüsselungsmechanismen eingesetzt.

Key Recovery ist wie letztlich jede Technologie für viele Zwecke zu gebrauchen.In den USA gilt die gesamte Kommunikation von Mitarbeitern während ihrer Arbeitszeit als Firmeneigentum.Kaum ein Unternehmenschef bringt daher Verständnis für einen Angestellten auf, der sich nicht in seine Email schauen lassen will.Es gehe auch nicht darum, Key Recovery als Gesamtkonzept zu verteufeln, so Sandl.Die Spielregeln, unter denen diese Technologie nach Wünschen der amerikanischen Regierung eingesetzt werden soll, seien aber nicht akzeptabel."Der in den USA für Internetfragen zuständige Aaron hat im Oktober erklärt, daß sein Land keine Wirtschaftsspionage betreibe", sagte Sandl und fügte trocken hinzu: "Wir glauben ihm natürlich."

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar