Zeitung Heute : Ku’dammkinos retten

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Susanne Kippenberger

Wenn es Fiat schlecht geht, dann fangen die Italiener an zu weinen. Schließlich ist Fiat, so hat es die Familie Agnelli erklärt, doch kein privates Unternehmen – ein nationales Erbe ist das Autohaus! Und das zu pflegen wird zur patriotischen Pflicht.

Zwar bin ich gar nicht Italienerin, aber Fiat unterstütze ich schon. Auch in Berlin, der Stadt der rauen Autofahrersitten, macht sich mein Punto ausgesprochen flott, ein richtiger kleiner Flitzer ist das. Männer hören ja bekanntlich nie zu, und Frauen parken immer schlecht ein, aber Italiener haben ein Herz für Frauen, und darum haben sie meinem kleinen Punto nicht nur eine Servo-, sondern auch noch eine City-Lenkung eingebaut. Jetzt können die Berliner Lücken gar nicht winzig genug sein für mich – mit dem kleinen Finger komm ich da immer noch rein. Mein letztes Auto war deutsch. Sehr deutsch. Ein Diesel, 15 Jahre alt, der war wie ein Traktor, so schwer. Mit Lenken war da nicht mehr viel.

Kurzum: Mit dem Patriotismus ist es nicht weit her bei mir. Aber lokalpatriotisch bin ich schon engagiert. Deswegen gehe ich so oft ins Kino. Jetzt erst recht. Der Filmbranche geht’s ja schlecht. Miserabel, um genau zu sein. Am Ku’damm haben im Laufe der letzten Jahre schon etliche Häuser zugemacht, das Gloria, das Marmorhaus und die Filmbühne Wien, lauter Häuser mit langer Tradition. Aber hat da irgendjemand geweint? Nicht richtig. Nun steht die UFA vor der Pleite, geht’s auch den Multiplexen an den Kragen. Kein Wunder, in den letzten Jahren wurden ja so viele davon eröffnet, dass es in Berlin bald mehr Leinwände als Zuschauer gab. Gut, die Technik ist brillant, die Sicht frei, die Sitze bequem – aber eins hat all diesen Häusern immer gefehlt: der Charme.

Darum bin ich schon immer so gern an den Kudamm gezogen, denn die Kinos dort haben das, was dem Boulevard selbst eher fehlt: Sie haben Flair. Das Astor, der Filmpalast Berlin, das Cinema Paris – die sehen nicht wie Kaufhäuser aus, die tragen keinen Einheitslook, das sind echte Individuen. Richtige Damen sind das, schon ein bisschen älter, aber schön renoviert und fein gemacht, intim, ohne kleine Schachteln zu sein. Wie in einer großen Muschel sitzt man im Filmpalast Berlin zum Beispiel. Der Saal hat den Schwung der 50er Jahre, der Vorhang glitzert, die Spannung steigt, gleich könnte ein Star auf die Bühne treten. Das geschah früher auch, so wie im Astor und im Cinema Paris ein paar Schritte weiter. Aber seit die Berlinale an den Potsdamer Platz gezogen ist, haben die Ku’dammkinos unter mangelnder Aufmerksamkeit zu leiden. Das kann gefährlich werden. Tödlich sogar.

Und darum gehe ich, lokalpatriotische West-Berlinerin, die ich bin, auch so gern in die Ku’dammkinos. Zum Weinen. Und Lachen. Zum Amüsieren. Denn langweilen tu ich mich selten dort, das Trio hat nämlich meistens ziemlich schöne Filme im Programm, im Cinema Paris sogar auf französisch. Von wegen Spaßgesellschaft! In diese Kinos zu gehen, ist moralische Pflicht. Rettet unser Erbe!

Astor, Kurfürstendamm 217; Cinema Paris, Kurfürstendamm 211; Filmpalast Berlin, Kurfürstendamm 225.

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