Zeitung Heute : Kühe machen nicht nur Mühe

Ihre Verdauung wird zum Klimaproblem

Gideon Heimann

Eine Kuh macht „Muh“, viele Kühe machen Mühe. Und nicht nur das. Denn Rinder verdauen Grünzeug, und das führt zu einer bemerkenswerten Menge an Abgasen. Wieviel Methan eine Kuh an beiden Enden ausstößt, wird in der Literatur nicht einheitlich angegeben, pro Tag werden es um die 280 Liter sein (gleich 82 Kilo pro Jahr). Rinder, Schweine, Ziegen, Schafe – weltweit produzieren sie so 80 bis 115 Millionen Tonnen Methan pro Anno. Die unterschiedlichen Schätzungen beruhen darauf, dass für den niedrigen Wert nur der direkte Ausstoß, für den hohen auch die Emissionen der gärenden Fäkalien einbezogen wurden. Zum Vergleich: 375 Millionen Tonnen Emissionen dieses Gases verursacht der Mensch durch sein Handeln jährlich.

In Deutschland werden von insgesamt etwa 14 Millionen Rindern um die 700 000 Tonnen Methan pro Jahr emittiert. Methan wirkt rund 21 Mal klimaschädlicher als Kohlendioxid, es ist daher trotz der wesentlich geringeren Mengen zu etwa 15 bis 20 Prozent am vom Menschen gemachten Treibhauseffekt beteiligt. Kein Wunder also, dass Forscher seit Jahren an Entwicklungen arbeiten, die diese tierischen Verdauungsprobleme in den Griff bekommen könnten.

Im weitaus agrarischer orientierten Neuseeland setzt man große Hoffnungen auf eine Futtermittelpflanze mit dem Namen Legume Lotus. Schließlich geben die 45 Millionen Schafe und acht Millionen Kühe rund 90 Prozent der Methanemissionen des Landes ab. Und das soll etwa 43 Prozent der gesamten Treibhausgase Neuseelands entsprechen. Wie die Inhaltsstoffe der Pflanze wirken, ist noch nicht ausreichend erforscht. Deshalb versucht die Regierung auch, eine „Furz- Steuer“ durchzusetzen. Das so von den Viehzüchtern vereinnahmte Geld soll für die Forschung ausgegeben werden. Derzeit wird aber immer noch heftig darüber gestritten.

Im Prinzip geht es darum, den Bakterien im Pansen der Tiere das Große Fressen so weit zu vermiesen, dass sie zwar noch ihren Aufgaben als Verdauungshelfer nachkommen, aber sich selbst doch deutlich zurückhalten. Um die 16 Prozent Verminderung sollen möglich sein, hoffen die Neuseeländer, deutsche Fachleute schätzen, dass mit einer Spezialdiät sogar 20 Prozent Rückgang zu erreichen sind. Das ist auch das Ziel australischer Wissenschaftler. Schafe und Rinder geben hier etwa 14 Prozent aller Treibhausgase ab. Die 20 Prozent Minderung entsprächen in ihrer Wirksamkeit einer Reduktion von etwa 300 000 Tonnen Kohlendioxid. Zudem erwarten die Australier, dass für das Nutztier mehr übrig bleibt, wenn die Bakterien darben: Bei Schafen würde die Wolle schneller dick.

Hinzu kommen freilich noch diejenigen Mengen, die beim bakteriellen Abbau der flüssigen Ausscheidungen entstehen. Bei Freilandtieren ist Abhilfe schwer, doch die bei uns häufigere Stallhaltung bietet die Möglichkeit der Güllevergärung. Das daraus entstehende Methan lässt sich sinnvoll einsetzen, in Heizungen oder auch kleinen Blockheizkraftwerken. Solche Techniken werden bei uns immer beliebter – jedenfalls bei Bauern, die sich die Investition leisten können.

Gar nicht so lustig wie es klingt, steht es mit dem Lachgas. Distickstoffoxid bildet sich, wenn Überdosen stickstoffhaltigen Düngers ausgebracht werden. In Deutschland gelangen jährlich um die 75 000 Tonnen dieses Klimagases in die Atmosphäre. Das erscheint zwar nicht als sonderlich viel, doch besitzt Lachgas eine über 300 Mal größere Treibhauswirkung als Kohlendioxid. Global wird dem Distickstoffoxid ein Anteil von gut fünf Prozent am Treibhauseffekt zugeschrieben.

Dennoch: Insgesamt hat sich die Lage bei den Methan- und Lachgasemissionen in Deutschland seit der Wende erheblich gebessert. 1990 lagen die Methanmengen noch bei 5,5 Millionen Tonnen, sie sanken auf 3,2 Millionen. Beim Lachgas waren es 1990 rund 214 000 Tonnen, nun sind es 141 000 Tonnen.

Die Ursachen liegen beim Methan freilich vor allem in einer verbesserten Abfallwirtschaft – es entsteht weniger Deponiegas – und im Rückgang der Kohleförderung: Es gelangt nicht mehr so viel Grubengas in die Atmosphäre. Die Landwirtschaft ist auch an der Reduktion beteiligt, allerdings nur in dem Maße, in dem (vor allem in den Neuen Ländern) Agrarbetriebe geschlossen wurden. Beim Rückgang des Distickstoffoxids machen sich Verbesserungen in der Industrie bemerkbar und – zu einem geringeren Teil – die Stilllegung von Feldern.

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