Zeitung Heute : Kühle Schönheit

Weil die Christrose um die Weihnachtszeit blüht, wurde sie als Orakel benutzt. Konkurrenzlos zeigt sie sich bis zum Frühling

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Die Christrose umgibt eine geheimnisvolle Aura, weil sie inmitten von Eis und Schnee erblüht, wenn andere Pflanzen in winterliche Ruhe fallen. „Schön bist du, Kind des Mondes …“ dichtete Eduard Mörike über die Christrose, die uns zur winterlichen Jahreszeit mit ihren reinweißen Blüten und immergrünen handförmig geteilten Blättern erfreut. Die Staudenpflanze ist auch unter dem Namen Schneerose bekannt.

Rechtzeitig um die Weihnachtszeit öffnen sich die wunderschönen weißen Blüten der Christrose (Helleborus niger), sofern der Frost nicht zu streng und die Schneedecke nicht zu hoch ist. Dann verschiebt sich die Blütezeit um einige Tage, manchmal auch Wochen und kann sogar bis in das Frühjahr reichen. Reißenden Absatz finden im Winter auch blühende Christrosen in Töpfen, die jetzt schon von Gartencentern und Blumengeschäften reichlich angeboten werden. Damit sich die zahlreichen Knospen dieser Pflanzen in den folgenden Wochen zuverlässig öffnen, stellt man sie an einen hellen, kühlen Platz und versorgt sie regelmäßig mit Wasser.

Die Eigenschaft, im Winter zu blühen, „hat die Christrose aus der Eiszeit“, erläutert Manfred Geywitz vom Württembergischen Gärtnereiverband in Stuttgart. Sie könne den Druck in ihren Zellen senken. Dadurch nehme die Pflanze einen Teil des Wassers aus Blatt und Blüte auf osmotischem Wege in die Wurzel zurück – und kann so nicht erfrieren. Die robuste winterharte Staudenpflanze hält deshalb ohne Probleme Temperaturen von minus 20 Grad stand und blüht bis in den März hinein.

Durch die ungewöhnliche Blütezeit gelangte die Christrose auch zum Ruf einer Orakelblume – besonders auf dem Land. Bauern stellten früher an den zwölf Tagen zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag zwölf Blütenknospen der Christrose in ein Wasserglas. Jede einzelne Blüte stand für einen Monat, das dazugehörige Wetter des kommenden Jahres und für Glück oder Unglück.

Offene Blüten versprachen gutes Wetter, geschlossene Blüten schlechtes Wetter beziehungsweise Glück oder Unglück, was mit einer guten oder schlechten Ernte einhergehen sollte.

Diese alte Gartenpflanze ist schon im 16. Jahrhundert in Gärten anzutreffen und wurde auch als Heilpflanze genutzt. Man bezeichnet sie auch als schwarze Nieswurz, da sie schwarzbraune Wurzelstöcke besitzt, aus denen man früher ein Niespulver herstellte. Allerdings raten die Kräuterbücher des 16. und 17. Jahrhunderts zu Vorsicht, da leicht Vergiftungen auftreten können.

Die Heimat dieser beliebten Gartenpflanze, die auch als Schneerose bezeichnet wird, sind die Alpen. Dort wächst sie auf lehm- und kalkhaltigen Böden in Buchenwäldern entfaltet ihre Blüten erst im Frühjahr mit der Schneeschmelze. Gelegentlich kommt es vor, dass die zarten Blüten von einer weichen Decke aus Neuschnee umhüllt sind und nur teilweise herausragen. Der fleischige, 20 bis 30 Zentimeter hohe Stängel entspringt einem rhizomartigen Wurzelstock mit immergrünen Blättern und trägt meist nur eine, manchmal auch zwei oder drei weiße Schalenblüten. Oft ist die Außenseite der Blütenblätter rosa oder rötlich überlaufen.

Eine besonders schöne Unterart mit sehr großen, weißen Blüten ist Helleborus niger ssp. macranthus. Sie stammt aus den Südalpen und ist insgesamt von kräftiger Gestalt mit auffällig schmal gegliederten Blättern.

Von den meisten Gartenfreunden recht wenig wird die Palmblatt-Schneerose (Helleborus foetidus) aus Südwest-Europa beachtet. Ihren Namen erhielt sie aufgrund der schönen, tief gefingerten Blätter, mit denen sich die Pflanze auch im Winter schmückt. Von Februar bis April entfalten sich an verzweigten, bis 50 Zentimeter hohen Stämmchen zahlreiche gelbgrüne Glockenblüten, die zuweilen von einem roten Saum geziert sind. Pflanzt man die Palmblatt-Christrose in Gruppen, ergeben sich schöne Winterbilder, die vor allem in naturnahe Gartenpartien besonders gut passen.

Zur gleichen Zeit blüht die Korsische Nieswurz (Helleborus lividus ssp. corsicus, syn. H. argutifolius), die auf Korsika und Sardinien grasige Lichtungen und Wegränder in der Nähe von Gebüschen besiedelt. Sie erreicht eine Höhe von 50 bis 60 Zentimeter und bildet einen verzweigten Blütenstand mit zahlreichen nickenden, gelbgrünen Glockenblüten. Sie passt ebenfalls gut in naturnah gestaltete Bereiche und breitet sich an zusagenden Plätzen reichlich durch Samen aus.

Mit dem dunkelsten Rot aller Arten kann die Purpur-Schneerose (Helleborus purpurascens) aufwarten. Diese attraktive, etwa 30 Zentimeter hohe Pflanze stammt vom Balkan und entfaltet ihre wunderschönen Blüten im März und April.

Es ist auch die Zeit der Lenzrosen (Helleborus-Orientalis-Hybr.), die mit Winterlingen, Schneeglöckchen und frühen Krokusarten erblühen. Die schalenförmigen Blüten erreichen einen Durchmesser bis zu sieben Zentimeter und hängen zu mehreren an kräftigen, 15 bis 25 Zentimeter hohen Stängeln. Ihr Markenzeichen sind leuchtende Farben, die von hellem Rosa über Karminrot bis fast zu violetten Tönen reichen und oftmals mit einem reizvollen Pünktchenmuster auf den Blütenblättern verziert sind. Hierbei handelt es sich um Sorten, die insbesondere von der Orient-Christrose (Helleborus orientalis) abstammen, die im Vorderen Orient ihre Heimat hat. Einige besonders schöne Sorten sind „Brunhilde“ (zartes Cremeweiß mit roten Punkten), „Burgunder Blut“ (dunkelpurpur), „Frühlingsfreude“ (dunkelrosa, violette Punkte), „Hyades“ (weiß mit rosafarbenen Punkten), „Sirius“ (helles Gelb mit grünlichem Schimmer), „Raurus“ (zartrosa mit dunklen Punkten). Auch gefüllt blühende Lenzrosen sind inzwischen im Angebot, die aber der natürlichen Schönheit dieser Pflanzen etwas widersprechen. Damit die Christrosen im Garten dauerhaft erhalten bleiben und sich zudem vermehren, pflanzt man sie in die Nähe von laubabwerfenden Gehölzen. Dort gedeihen sie im kühlen Halbschatten am besten und kommen außerdem in den Genuss der wärmenden Wintersonne. Da Christrosen nässeempfindlich sind, obwohl sie im Winter und Frühjahr reichlich Feuchtigkeit lieben, muss der Boden gut durchlässig sein. Auf schlecht durchlüfteten, nassen Böden kümmern die Pflanzen. Für gesundes Wachstum ist ein lehm- und kalkhaltiger Boden wichtig. Deshalb empfiehlt sich vor dem Pflanzen, gründlich zu lockern und nährstoffreichen Kompost sowie Kalk in den Boden einzuarbeiten. Sandböden verbessert man außerdem durch reichliche Zugabe von Lehm. Da Christrosen empfindlich gegen Verletzungen der Wurzeln sind, sollte man Graben und Hacken in ihrer Nähe vermeiden. Können sie ungestört wachsen, werden sie von Jahr zu Jahr schöner und reicher blühend. Während die Christrosen unter ungünstigen Bedingungen am Standort schneller kümmern, sind die Lenzrosen etwas robuster und gedeihen auch in voller Sonne.

Beste Pflanzzeiten sind das Frühjahr während der Blüte und der Frühherbst, wenn sich die neuen Wurzeln bilden. Wer Helleborus aus Samen heranziehen möchte, sät im Winter in Schalen oder Töpfe mit lockerem, humosem Substrat und stellt die Gefäße an einem geschützten Platz im Freien auf. Kälte und Schnee sind notwendig, damit die Samen keimen. Sät man dünn, können die jungen Pflanzen über Sommer im Gefäß bleiben und heranwachsen. Stehen sie zu dicht, sollte man nach der Bildung des zweiten Laubblattes vereinzeln (pikieren). Im Frühherbst oder im darauf folgenden Frühjahr erhalten die jungen Pflanzen dann den vorgesehenen Platz im Garten. Nach zwei bis drei Jahren erscheinen die ersten Blüten. (mit dpa)

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